Die Zauberflöte - CD-Tipp

Die Zauberflöte
Wolfgang Amadeus Mozart
Emanuel Schikaneder

Mozarts Zauberflöte unter William Christie: die frischeste Einspielung der letzten Jahre

Les Arts Florissants
Natalie Dessay, Rosa Mannion, Hans Peter Blochwitz, Anton Scharinger, Reinhard Hagen

Erato, 2 CD
Die Zauberflöte / William Christie
 


Keine interpretatorische Richtung der letzten fünfzig Jahre wirkt sich derart nachhaltig auf unsere Hörgewohnheiten aus wie die so genannte Originalklangbewegung. Bach-Aufnahmen mit Wilhelm Furtwängler oder Günther Ramin, ja selbst Pablo Casals' Einspielung der Cello-Suiten wirken heute trotz ihrer Größe, Eigenwilligkeit und historischen Bedeutung zumindest befremdlich.

Dank der unermüdlichen Bemühungen großer Musiker wie Nikolaus Harnoncourt, Sir John Eliot Gardiner, Philippe Herreweghe oder William Christie - auch aufgrund der Sterilität des herkömmlichen Interpretationsansatzes - setzte sich das "authentische" Musizieren von Musik aller Perioden bis hin zu Beethoven und Schubert allgemein durch. Dennoch gab und gibt es einige Werke, denen man sich erst spät und mit einiger Scheu näherte. Neben Bachs Goldberg-Variationen und Beethovens Fidelio steht auch Mozarts Mysterium Die Zauberflöte in dieser Reihe.

Musikalische Gründe hiefür sind nicht zu finden. La clemenza di Tito, Mozarts ebenfalls im Todesjahr 1791 entstandene letzte opera seria, längst von den Originalklangspezialisten adaptiert, ähnelt der Schikaneder-Oper im melodischen Duktus, in Instrumentation und harmonischer Faktur mehr, als man gemeinhin annimmt. Als letzter bedeutender Vertreter seiner Gattung nimmt Titus in Mozarts Schaffen aber eine rückwärts gewandte Rolle ein, ist gleichsam als "Alte Musik" kanonisiert, so falsch dies auch sein mag. Die Zauberflöte hingegen ist ein Werk, dessen Rezeptionsgeschichte sich als keineswegs ideologiefrei erweist. Es handelt sich dabei nicht um kunstideologische oder politische Fragen, sondern um die private Ideologie des Einzelnen, um die Kindheitserinnerung, um das "Das-Gleiche-immer-wieder-gleich-erleben-Wollen". Die Folgen dieser Einstellung sind desaströs: Es gibt kaum eine andere Oper, der man so oft in schlechten, lieblosen, routinierten und gleichgültigen Aufführungen begegnet, wie dieses Werk, über dessen einzigartigen Rang andererseits inzwischen wohl allgemeine Einigkeit herrscht. Dass die Bayerische Staatsoper ihre Neueinstudierung ihrem führenden Originalklangspezialisten anvertraut, ist nicht zuletzt deshalb nur von Vorteil, da man in der "Alten-Musik-Szene" keine Schlamperei duldet. Münchens Händel- und Monteverdi-Sensationen können Arien davon singen.

Keine Schlamperei duldet natürlich auch William Christie, ausgewiesener Experte der französischen Barockmusik und Georg Friedrich Händels. Dass der amerikanische Wahlpariser (*1944) aber nicht in Schubladen-Stereotypen passt, beweist (ganz dem vielschichtigen Charakter des Werks entsprechend) seine 1995 entstandene Einspielung der Zauberflöte (Erato, 2 CD) - meines Erachtens die frischeste, fröhlichste (und ernste), im besten Sinne vorstadtwienerischste (und virtuose) Aufnahme der letzten Jahrzehnte, sicher die beste auf Originalinstrumenten musizierte. Christies Vorliebe für jugendliche, unverbrauchte Stimmen ohne "Kammersänger"-Allüren bekommt dem Ergebnis ebenso gut wie die natürliche Musizierlust seines Ensembles Les Arts Florissants, das sich auf ungewohntem Terrain bestens zurechtfindet. Natalie Dessay (Königin der Nacht), Rosa Mannion (Pamina), Hans Peter Blochwitz (Tamino), Anton Scharinger (Papageno) und Reinhard Hagen (Sarastro) krönen ein Sängerensemble ohne Schwachpunkt. Die ideale CD-Ergänzung zur Neueinstudierung.

Nicht mehr auf der Höhe der Zeit, im Grundansatz klassizistisch behäbig und sängerisch keineswegs ausgewogen besetzt, bleibt Karl Böhms Berliner Produktion vom Juni 1964 (DG Originals, 2 CD) bis zum heutigen Tag und weit darüber hinaus ein wichtiger Moment in der Rezeptionsgeschichte der Zauberflöte: Sie dokumentiert Fritz Wunderlichs Tamino - unvergleichlich und unerreichbar.

Ludwig Robeller

© Bayerische Staatsoper