Roberto Devereux - CD Tip

Roberto Devereux
Gaetano Donizetti
Salvatore Cammarano

Eine Gesangsleistung der Superlative, die nur von ihr selbst übertroffen werden kann: Roberto Devereux unter Friedrich Haider mit Edita Gruberova.



 


Donizettis letztes "englisches" Historiendrama, 1837 für das Teatro San Carlo in Neapel komponiert und am 29. Oktober desselben Jahres höchst erfolgreich uraufgeführt, trägt als einziges den Namen des männlichen Protagonisten im Titel. Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hier wie in den Vorgängerwerken Anna Bolena (1830) und Maria Stuarda (1835) die primadonna assoluta im Mittelpunkt von Handlung und Interesse steht.

Es ist Elisabeth I., nicht nur die faszinierendste Gestalt der englischen Geschichte, sondern auch eine der zentralen Figuren der italienischen tragischen Oper in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wie schon Saverio Mercadantes Librettist Felice Romani (Il Conte d'Essex, 1833) musste auch Salvatore Cammarano, der Textautor Donizettis, einen Titel wählen, der von Rossinis zwanzig Jahre älterer Erfolgsoper Elisabetta, regina d'Inghilterra abwich. Ob der wenig bekannte Name des englischen Statthalters in Irland mitverantwortlich für das nach anfänglich triumphalen Erfolgen bald abnehmende Interesse an Roberto Devereux war, muss Spekulation bleiben. Jedenfalls geriet die Oper gründlich in Vergessenheit, bis sie im Rahmen der von Maria Callas ausgelösten Belcanto-Renaissance in den 1960er Jahren wiederentdeckt wurde.
Callas selbst hat Elisabettta nie auf der Bühne gesungen, erste bedeutende Interpretin der Rolle in der Neuzeit war 1964 am Ort der Uraufführung ihre türkische Gegenspielerin Leyla Gencer.

Heute gilt Roberto Devereux als Donizettis reifstes und bedeutendstes Historiendrama und gleichrangiges Schwesterwerk der zwei Jahre älteren Lucia di Lammermoor, dem opus summum unter seinen romantischen Opern.

Die Konstellation der vier Protagonisten und ihrer Stimmfächer kann als paradigmatisch für die italienische Oper von den serie Rossinis bis hin zum mittleren Verdi gelten: Elisabetta (Sopran) und Roberto (Tenor) als tragisches, schicksalsgetriebenes Liebespaar, Sara (Mezzosopran) als zurückgestoßene Nebenbuhlerin, ihr herzoglicher Gemahl Nottingham (Bariton) der Stimmlage entsprechend als handlungsstiftender "Bösewicht". Soweit entspricht Donizetti nur den Konventionen seiner Ära.
Was er aber daraus an Spannung, Wirkung und durchaus auch theatralischer Glaubwürdigkeit erzielt, hebt Roberto Devereux weit über diese Konventionen hinaus. Die innere Zerrissenheit der vier Akteure, ihre extremen Gefühlsschwankungen, ihre Affekte vor dem Hintergrund des konkreten, historischen Kontexts - sie sind dadurch mehr als Affektträger - stellt Donizetti mit großer Geschlossenheit, einer auch für ihn ungewöhlichen Fülle melodisch hochwertiger Einfälle und sorgfältiger musikalischer Ausarbeitung heraus. Eine bedeutende Rolle ist dem Orchester anvertraut, das nicht wie in den romantischen Opern Stimmungsbilder malt, sondern weit über die Begleitfunktion hinaus den großen melodischen Atem der Oper trägt oder höchst anspruchsvoll mit den Protagonisten korrespondiert.

Ohne das invariante Faszinosum der primadonna assoluta wäre dieses herrliche Werk, ja eine ganze Epoche des italienischen Musiktheaters, heute verloren und vergessen. Nach Maria Callas, Leyla Gencer, Joan Sutherland, Beverly Sills und Montserrat Caballé ist heute Edita Gruberova im wahrsten Wortsinne die "Königin der Königinnen" - und im Gegensatz zu den Vorgenannten steht sie konkurrenzlos da. 1994 nahm sie unter Leitung Friedrich Haiders in Straßburg Roberto Devereux auf - eine Gesangsleistung der Superlative, die nur von ihr selbst übertroffen werden kann! Don Bernardini (Roberto), Ettore Kim (Nottingham) und vor allem Delores Ziegler (Sara) sorgen dafür, dass das obengenannte Gleichgewicht der Kräfte trotzdem nicht ins Schwanken gerät. Der Chor der Opéra du Rhin und das Orchestre Philharmonique de Strasbourg agieren unter Friedrich Haiders souveräner Gestaltung mit dem gleichberechtigten Anspruch, der in Donizettis bedeutendsten Werken alle Beteiligten eint.

Die TAKT-Redaktion