La forza del destino (Inszenierung 2005) - CD-Tipp

La forza del destino (Inszenierung 2005)
Giuseppe Verdi
Francesco Maria Piave

La forza del destino unter Thomas Schippers mit Leontyne Price

Sony-BMG, 3 CD
La forza del destino
 


Warum genießt La forza del destino, dieses musikalisch grandiose Meisterwerk aus Giuseppe Verdis reifer Schaffensperiode, nicht ähnliche Popularität wie Rigoletto, La traviata oder Aida? Zwei Gründe: Zum einen gibt es Opern, denen der Hautgout eines misslungenen Librettos anhaftet wie ein Fluch. Konnte sich in Il trovatore Verdis unwiderstehliche, zündende Melodienflut noch mühelos gegen Salvatore Cammaranos abstruse Handlung behaupten, so hatte es La forza immer schwer. Das Stück ist mit fast drei Stunden reiner Spieldauer relativ lang, es treten eine Menge Nebenfiguren auf und es fehlt der Gassenhauer. Francesco Maria Piaves Libretto ist, genau betrachtet, gar nicht so schlecht und Verdi geradezu auf den Leib geschneidert; denn hatte Verdi Gelegenheit, starke Situationen, spannungsgeladene Tableaus zu vertonen, befand er sich in seinem Element. Die andere und wesentlich schwerer wiegende Ursache für den - relativ gesehen - zweiten Rang der Forza besteht im Fehlen einer unmittelbar für sich einnehmenden, stücktragenden Figur wie Rigoletto, Violetta oder später König Philipp, Aida, Otello und Falstaff. Alle Protagonisten wirken stereotyp. Selbst Don Carlo, dessen Racheschwur die ganze Oper trägt. Dass die insgesamt gelungensten Personen der Forza ausgerechnet die für die Handlung irrelevanten Fra Melitone und die Zigeunerin Preziosilla sind, erklärt eigentlich alles. Nur eine Oper, in der wir uns stark mit einer Person identifizieren, mitlachen und -leiden können, das Werk gleichsam aus ihrer Perspektive miterleben, ist als Meisterwerk ersten Ranges kanonisiert. In dieser Hinsicht kann man La forza del destino als Fehlschlag bezeichnen.

Ganz anders ist es um die Musik bestellt. Von den ersten Takten der Sinfonia, bis zum wahrhaft himmlischen Schlussterzett ist fast alles Verdi vom Feinsten. Alle Stimmfächer sind mit dankbaren Aufgaben betraut, die Primadonna-Rolle der Leonora di Vargas neben der Aida wohl Verdis schönste Sopranpartie im dramatisch-"hochgestimmten" Fach. Für dieses Fach gab es in den 60er und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die kongenial-ideale Sängerin Leontyne Price. Es waren vor allem die beiden Leonora-Partien in Il trovatore und La forza del destino, auf denen ihr Weltruhm basierte. Letztere nahm sie zweimal auf: 1964 in Rom unter Leitung von Thomas Schippers und 1977 in London unter James Levine. Die ältere Einspielung (Sony-BMG, 3 CD) zählt zu den Juwelen der Verdi-Diskographie. Die gesamte Besetzung lässt keinen Wunsch unerfüllt. Richard Tucker (Alvaro) und Robert Merrill (Don Carlo) haben die beiden "befreundeten" Todfeinde oft zusammen an der MET gesungen, ihre Interaktion, eingespielt und doch bar jeder Routine, begeistert nicht nur in dem berühmten, dunkel bedrohlichen Duett Solenne in quest'ora. Shirley Verrett als Preziosilla und Ezio Flagello in der polternd-pöbeligen Partie des Fra Melitone sind Luxus-Besetzungen. In der wunderbaren, sängerisch dankbaren Basso-profondo-Partie des grundgütigen Padre Guardiano glänzt Giorgio Tozzi mit balsamischer, doch schlanker Stimme ohne Orgel-Allüren. Der Amerikaner Thomas Schippers am Pult des RCA-Italiana-Orchesters fügt sich nahtlos in die Reihe der geborenen Verdi-Dramatiker von Renato Cellini über Erich Leinsdorf bis Tullio Serafin ein.

Ludwig Robeller