Rigoletto (Inszenierung 2005) - CD-Tipp

Rigoletto (Inszenierung 2005)
Giuseppe Verdi
Francesco Maria Piave

Rigoletto als Studioproduktion unter Rafael Kubelik (1963) mit Dietrich Fischer-Dieskau

DG, 2 CD

 


In nahezu allen Opern Verdis ist es der "handlungserzeugende" Bariton, ohne den die meist passiv leidenden, nur reflektierenden VertreterInnen des Sopran/Tenorfachs ihre Konfliktsituationen - in welcher Weise auch immer - nicht lösen könnten. Meist erscheint er als Bösewicht (Il trovatore, La forza del destino, Otello) oder als Eindringling von außen in die hermetische Welt des tragischen Liebespaars (La traviata, Aida). Simon Boccanegra und vor allem Rigoletto stellen den Bariton in den Mittelpunkt, er selbst wird gerade durch sein Handeln zur tragischen Figur. Rigoletto handelt immer, und immer richtet sich sein Tun gegen sich selbst. Sei es Gedankenlosigkeit und Bosheit (Verhöhnung Monterones), Angst (Gilda darf das Haus nicht verlassen), Opportunismus (Unterstützung der Höflinge bei der Entführung - Gildas!) oder Berechnung (der Auftragsmord) - alles misslingt ihm. Trotzdem gehört ihm unsere Sympathie: Es ist das realistisch Menschliche, das uns berührt und Rigoletto zu einer der großen Figuren des Musiktheaters gemacht hat.

Wie in Mozarts Don Giovanni existieren auch hier alle anderen Personen nur in ihrer Beziehung zur Titelfigur: In Gildas sinnlosem Opfer sehe ich keinen Anlass, ihr einen Reifeprozess vom behüteten Mädchen zur erwachsenen Frau zuzugestehen, ihr Tod ist lediglich ein Symbol für Rigolettos endgültiges Scheitern - und am Lotterleben des Herzogs wird sich gar nichts ändern, er, der den tragischen Höhepunkt der Oper verschläft (!), muss sich lediglich einen anderen Hofnarren suchen.

Von jeher hat mich eine Aufnahme dieses Werks fasziniert, die das Fragwürdige seiner Titelgestalt in der Besetzung weiterführt, auch der Darsteller des Rigoletto ist in vielerlei Hinsicht ein Außenseiter. Sie entstand 1963 als Studioproduktion an der Mailänder Scala unter der Leitung von Rafael Kubelik (DG, 2 CD). Die nahezu rein italienische Besetzung mit Carlo Bergonzi und der jungen Renata Scotto (Duca / Gilda - ein Traumpaar!), Ivo Vinco (Sparafucile), Fiorenza Cossotto (Maddalena) und der stimmigsten Nebenrollenbesetzung aller Rigoletto-Einspielungen (so singt z.B. Piero de Palma die Wurzenrolle des Borsa Matteo) garantiert Stimm-Kultur und -Intelligenz vom Feinsten. Kubelik leitet die hervorragend aufgelegten Kollektive des Teatro alla Scala mit ebensoviel Dramatik wie Delikatesse und verzichtet vor allem auf jeden Anflug von Vulgarität.

Doch nun zur Titelpartie: "Dr. Rigoletto" hat man ihn genannt, ihm Teutonismen und Intellektualismus vorgeworfen. Alles zu Unrecht! Rigoletto ist ein tragisch Scheiternder, keine eindimensionale Charge oder gar ein Trottel. Er steht einem Alberich oder Wozzeck (aber auch einem Falstaff!) weit näher als einem Nabucco oder Enrico Ashton. Dietrich Fischer-Dieskau, der einzige Ausländer im Ensemble, der Liedsänger, der "Intellektuelle", bietet eine Charakterstudie ersten Ranges, er fügt sich (auch in Phrasierung und Stimmkultur, man höre nur das berühmte Quartett) bestens in das Ensemble ein und er hat es nicht nötig, zu irgendwelchen Mätzchen zu greifen. Die Stimme genügt, um zu berühren.

Als Alternative bietet sich einmal mehr ein Ausflug in die alte Metropolitan Opera an (von Naxos hervorragend restauriert, 2 CD): Cesare Sodero (damals einer von vielen, stünde ein solcher Maestro heute in der ersten Reihe italienischer Operndirigenten) hatte mit Jussi Björling (Duca), Bidu Sayão (Gilda) und Leonard Warren (Rigoletto) eine Besetzung zur Verfügung, zu der sich weitere Worte erübrigen. Der Mitschnitt vom 29.12.1945 dokumentiert übrigens eine Nachmittags-Repertoirevorstellung… Tempi passati.

Ludwig Robeller


© Bayerische Staatsoper