Norma - CD-Tipp

Norma
Vincenzo Bellini
Felice Romani

Norma unter Tullio Serafin mit Maria Callas, Ebe Stignani, Mario Filippeschi und Nicola Rossi-Lemeni

EMI Great Recordings of the Century, 3 CD
1954
Alcina
 


Wenn wir heute von Mythen sprechen, sollten wir uns darüber klar sein, dass damit nicht nur die Elementargeschichten antiker Mythologie gemeint sind. Wie entsteht ein „neuer“ Mythos? Was kann ein Fußballspiel, einen Satz aus einer Rede des amerikanischen Präsidenten, die Fotografie eines Sexsymbols zum Mythos werden lassen? Was passiert in uns, dass wir diese drei sehr allgemeinen Andeutungen fast zwangsweise mit dem deutschen 3:2 gegen Ungarn in Bern 1954, mit Kennedys „Ich bin ein Berliner“ oder Marilyn Monroe über dem U-Bahn-Schacht verbinden? Dürsten wir nach Mythen, sind wir uns gar bewusst, die Geburt eines Mythos mitzuerleben, ihn mit entstehen zu lassen? Im konkreten Falle: Was macht den Mythos Norma aus?
Mythen sind nicht objektiv. Die Qualität eines Kunstwerks, die weltgeschichtliche Bedeutung einer politischen Aussage ist für die Mythenbildung nicht entscheidend. Vielmehr geht es um das, was Thomas Mann den Geist der Erzählung nannte. Was muss zusammenpassen, damit die Mona Lisa zum berühmtesten Gemälde der Welt wurde, damit jeder den Namen Shakespeare mit Hamlet verbindet oder (in kleinerem Maßstab, sicher) Norma diesen mythischen (nicht „kultigen“) Beigeschmack erhielt? Die richtige Zeit, das richtige Ereignis (nicht „event“) und am Wichtigsten: die Verbindung mit einem Ort oder einer Person, die ebenfalls zum Mythos wurden.
All dies bildet zusammen ein Amalgam, das vom Geist der Erzählung „mythifiziert“ wird und dem Kunstwerk selbst unabhängig von den ursprünglich am Entstehen des Mythos Beteiligten seinen unsterblichen, einzigartigen Platz sichert.
Wer diese Zeilen liest, weiß – und dies unterstreicht den Gedankengang –, dass dies nun ganz zwangsläufig eine Huldigung an Maria Callas wird. Ohne sie wäre Norma heute eine Oper unter vielen. Das trifft zwar auch auf eine ganze Reihe anderer Werke zu, doch Norma war etwas Besonderes: die Rolle ihres Lebens. Hört man den Mitschnitt der Scala-Premiere vom 7. 12. 1955, spürt man auch heute noch trotz der inferioren Qualität der Aufnahme, was an diesem Abend passierte: Das geradezu paralysierte Publikum wusste, es erlebte die Geburt dieses Mythos’, das riesige Opernhaus kochte vor kaum aushaltbarer Spannung über. Vor allem der gefürchtete erste Auftritt mit dem Mythos im Mythos, Casta diva, gerät durch die in die Musik hineinschreiende, kaum zu bändigende Menge fast aus den Fugen.
Die beiden für die englische HMV produzierten Studio-Aufnahmen, die Maria Callas’ Norma-Mythos in unsere Zeit tragen, zählen zu den unvergänglichen Höhepunkten der Operndiskographie. Zeitigt in der zweiten Aufnahme aus dem Jahre 1960 (mit Christa Ludwig als Adalgisa) der ungeheure Raubbau, den die Assoluta in ihrer so schmerzlich kurzen Karriere ihrer Stimme angetan hatte, hörbare Spuren, ist in der ersten von 1954 (EMI Great Recordings of the Century, 3 CD) noch nichts davon zu spüren: Absolute Stimmsicherheit, der berühmte umflorte Trauerklang, das Schmerzliche, alle Nuancen, ja mehr als sich der Komponist wohl selbst vorstellen konnte – einzigartig, unvergleichlich. Selbstinszenierung in höchster Vollendung – auch das gehört zur Mythenbildung. Die heute nur noch Eingeweihten bekannte große Altistin Ebe Stignani bietet der Callas einen (fast, und das ist wichtig!) ebenbürtigen Kontrast, Mario Filippeschi (Pollione) und Nicola Rossi-Lemeni (Oroveso) wissen, dass sie hier nicht wirklich wichtig sind, entledigen sich ihrer anspruchsvollen Aufgaben zuverlässig und gut. Am Pult stand Maria Callas’ Mentor Tullio Serafin. Inspiriert und inspirierend, mit straffer Hand zeigte er, dass Bellini nicht nur wunderschöne, endlose Melodien komponierte, sondern auch ein großer Musikdramatiker war.
Heute trägt Edita Gruberova den Mythos weiter. Der Live-Mitschnitt aus Baden-Baden von 2004 (Nightingale, 2 CD) unter Friedrich Haider, mit der in diesem Fach seit zwanzig Jahren auf einsamer Höhe stehenden Sängerin und der ebenfalls wieder fast (!) ebenbürtigen Elina Garanca als ihre Gegenspielerin und Rivalin beweist, wer heute würdig ist,
sich diesem Mythos unserer Zeit zu stellen. Norma viene ...

Ludwig Robeller