Tamerlano - CD-Tipp

Tamerlano
Georg Friedrich Händel
Nicola Francesco Haym nach Agostino Piovene und Ippolito Zanelli



 


Timur-e Lang (1336-1405), der „eiserne Lahme“, europäisiert Tamerlan, italienisch also Tamerlano, zählt zu den ungewöhnlichsten Operngestalten Georg Friedrich Händels. Der türkisierte und zum Islam übergetretene Mongole aus Transoxanien (dem heutigen Usbekistan, wo er als Nationalheld gilt) war einerseits zwar durchaus kultiviert und kunstinteressiert, was man noch heute an vielen prächtigen Bauwerken, vor allem in „seiner“ Hauptstadt Samarkand, erkennen kann. Andererseits gilt er aber selbst für damalige Verhältnisse als besonders grausam und brutal. Nähern wir uns Händels dramma per musica (1724) über die historische Persönlichkeit Tamerlans, tun wir uns schwer, ihn uns als Figur des barocken Affekttheaters vorzustellen –  Prokofjew, Schostakowitsch oder einer der sowjetischen Kleinmeister wären wohl die Komponisten, denen man ein Sujet um diesen Unhold zutrauen würde. Aber Händel?

Doch es funktioniert. Für Händel und seine Zeitgenossen war historische Glaubwürdigkeit ebenso irrelevant wie abbildender „Realismus“, „Tamerlano“ etwa spielt im Jahre 1402, als Timur anders als in der Oper längst ein versoffener und kranker alter Mann war. Auch finden wir bei „Tamerlano“ besonders deutlich eine Idee vor, die Händel immer wieder faszinierte: der Konflikt von Macht und Liebe als innerer Konflikt des Mächtigen selbst. Dafür eignet sich Timur-e Lang, dessen Zwiespalt zwischen Kultur und Grausamkeit auch in Nicola Hayms Libretto überaus deutlich wird, bestens. Wie kann es der mächtigste Mann der (Stück-)Welt ertragen, von der begehrten Frau nicht wiedergeliebt zu werden? Der „Mächtige“ sieht, dass es nicht einmal die elementarsten menschlichen Bedürfnisse befriedigen kann – Macht und Ohnmacht vereinen sich in einer Person. Dies gilt für Tamerlano selbst ebenso wie für seinen Gegenspieler, den von ihm besiegten und gefangen genommenen Sultan Bajazet (Bajazid I.), der sich den Tod gibt, um seine Tochter (die von Tamerlano „geliebte“ Asteria) nicht in dessen Armen zu sehen – im paradoxen Glauben, damit seine Ehre zu retten.

Am Ende dieser düsteren Oper stehen – bei Händel höchst ungewöhnlich – alle als Verlierer da, das in der Opera seria unerlässliche lieto fine (Tamerlano verzichtet auf Asteria, heiratet Irene und akzeptiert Asterias Entscheidung für den von ihr geliebten Andronico) wirkt hier besonders aufgesetzt. Händel befolgt so zwar die Konvention der Epoche, doch unter der zeitgebundenen Oberfläche wird seine eigentliche Intention klar: den wahren Menschen mit all seinen Schwächen zu zeigen. Er war Humanist und Realist zugleich – dies lässt ihn heute so aktuell erscheinen.

Bei der Londoner Uraufführung am 31. Oktober 1724 wurden sowohl der Titelheld als auch sein Verbündeter und Gegenspieler Andronico von Kastraten gesungen – mit Andrea Pacini und Senesino standen zwei der bedeutendsten Vertreter ihrer Zunft auf der Bühne. Durch den Niedergang und das letztendliche Aussterben der Kastraten verschwand auch Händels Opernschaffen von der Bildfläche – dauerhaft bis in das späte 20. Jahrhundert. Erst die vom Countertenor Alfred Deller eingeleitete Renaissance dieses Stimmfachs gestattete es, das originale Geschlechterverhältnis auf der Bühne wiederherzustellen. Das Künstliche des Countertenors (Kopfstimme bzw. Falsett) unterstreicht dabei besonders wirkungsvoll die Dialektik zwischen unserer Zeit und der Epoche Händels – Annäherung durch Verfremdung.

In der Tamerlano-Aufnahme von Sir John Eliot Gardiner und seinen English Baroque Soloists (London 1985, Erato, 3 CD), Originalklang-Spezialisten der „mittleren“ Generation, begegnen wir all den bekannten Gardiner-Tugenden, die ihn zu einem der wichtigsten Musiker unserer Epoche werden ließen: akribische, konzeptionell durchdachte Vorbereitung, lebendiges, farbenreiches Musizieren, stimmige Besetzung und eine gerade für englische Vertreter der Originalklang-Szene so bezeichnende positive Grundstimmung, ja Fröhlichkeit. Derek Lee Ragin (Tamerlano), Gardiners Lieblingssopranistin Nancy Argenta (Asteria), Michael Chance (Andronico) und Nigel Robson in der Tenorpartie des Sultans Bajazet gestalten die Hauptpartien, vier Sänger, die damals im Zenit ihres Könnens standen. Interessant dabei besonders die Gegenüberstellung der beiden Countertenöre: Der leicht gutturale, sinnlich-weiche Stimmklang Ragins betont das Fremde, Gefährliche Tamerlanos und kontrastiert ideal mit der nüchtern-klaren, fast instrumental geführten Stimme von Michael Chance. Bei René Schirrer (Leone) und Jane Findlay (Irene) sind natürlich auch die kleineren Partien in besten Händen.

Ludwig Robeller