Billy Budd - CD-Tipp

Billy Budd
Benjamin Britten
E. M. Forster und Eric Crozier nach der Erzählung von Herman Melville

Billy Budd unter Kent Nagano mit Thomas Hampson in der Titelpartie und Anthony Rolfe Johnson als Kapitän Vere

Warner Classics, 2 CD
Billy Budd
 


In seiner 1891 erschienenen Novelle Billy Budd, Foretopman zeichnet der Amerikaner Herman Melville ein Bild der unmenschlichen Zustände an Bord von Kriegsschiffen, auf denen bis zu 1000 Männer in qualvoller Enge, immer bedroht vom Tod in der Schlacht und diszipliniert durch Strafmaßnahmen drakonischster Art, leben mussten. Aus der Sicht eines zwangsrekrutierten Matrosen wie des naiven, gutherzigen, aber auch patriotischen Billy wird das Leben unter diesen Umständen gerade deswegen zur Hölle, weil seine Einstellung pures Unverständnis und Neid erzeugen muss. Der für die Aufrechterhaltung der Borddisziplin zuständige Unteroffizier, der Profos John Claggart, ein Feigling und Schuft, verhasst unter den über 500 Männern der Indomitable, sieht in der Reinheit Billys all das, was ihm unerreichbar bleibt. Durch die Hierarchie dieser hermetischen Welt im Kleinen hat er aber die Mittel, diese Reinheit zu zerstören. Dies ist der erste Konflikt. Auch Captain Vere sieht die Unbefangenheit des jungen, offensichtlich fähigen Seemanns und damit die lichte Seite seines eigenen Wesens, seiner eigenen Gespaltenheit zwischen Humanität und unmenschlicher Disziplin, wie er in einer Figur vom Schlage Claggarts die dunkle erahnt. Dies macht seine Person in ihrem ständigen inneren Zwiespalt zum Kristallisationspunkt der Handlung. Die unvereinbare Dualität zwischen dem Humanen und der "Ordnung", symbolisiert durch die für Billy verhängnisvollen Kriegsartikel, stellt den zweiten Konflikt dar.

Was für ein Opernstoff! Ideale Einheit von Zeit, Raum und Handlung, tödliche Spannungen im Äußeren wie in der menschlichen Seele: Lieblingsthemen Benjamin Brittens, dessen Adaption des Melville-Stoffs, uraufgeführt 1951 in London, nach Ansicht der meisten Britten-Kenner seine bedeutendste Leistung im Genre Oper bildet. Ohnehin ein Meister der Atmosphäre in der Schilderung von Stimmungen, in der Charakterisierung der handelnden Personen, wächst Britten in Billy Budd über sich hinaus. Vier Akte (mit Pro- und Epilog des alten Kapitäns als Rahmen) in offener symphonischer Form, angedeuteten Ariosi, Shanties und grandiosen Chorszenen, Zwischenspiele, die in ihrer Wucht und Stringenz den berühmteren aus Peter Grimes in nichts nachstehen. Und vor allem: Brittens Musik trägt die Spannung der Vorlage nicht nur, sie überhöht sie in raffiniertester Weise noch.

Die Tenor-Rolle des Captain Vere, von Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschrieben, zählt zu seinen interessantesten überhaupt. Interessant, wie es Britten gelingt, die Enge an Bord des Schiffs in der Brust eines Mannes, der ja ebenso ein Gefangener dieser Maschinerie ist wie seine Untergebenen, wiederzugeben. Vere bleibt von der fürchterlichen Entscheidung, die er treffen muss, gezeichnet bis zu seinem Lebensende - dass Billy ihm unter dem Galgen vergibt, ist ein Trost, kein Freispruch.

In einer konzertanten Aufführung, die 1997 in Manchester stattfand, hatte Kent Nagano einen Sänger zur Verfügung, der allen Anforderungen dieser schwierigen, doch dankbaren Rolle entsprach. Anthony Rolfe Johnson bringt seine immense Erfahrung als führender britischer Charaktertenor ein und wird trotz Thomas Hampson, der die Titelrolle sang, zum Mittelpunkt des Geschehens - grandios und berührend. Hampson, aufgrund seiner Reife nicht der ideale Billy einer szenischen Aufführung, kostet die lyrische Anlage seiner Partie mit gewohnt berückender Stimmschönheit aus und überzeugt ebenso wie sein amerikanischer Landsmann Eric Halfvarson, der John Claggart, dieses schwarze Amalgam aus Kaspar und Iago Furcht erregend gestaltet. Das Männer-ensemble - in dieser hermetischen Welt ist für Frauen(stimmen) kein Platz - wirkt ungemein geschlossen und authentisch, besonders hervorzuheben Richard van Allen als alter Matrose Dansker. Kent Nagano kostet die Partitur (Brittens Orchester in Billy Budd ist das größte aller seiner Werke) ungeheuer suggestiv und souverän aus, was auch für die Münchner Neuinszenierung einiges erwarten lässt. Das altehrwürdige Hallé Orchester Manchester hat sich seine Qualitäten aus Sir John Barbirollis Zeit erhalten und setzt Naganos Klangvorstellungen bis in die kleinsten Details zwingend um (Warner Classics, 2 CD).

Ludwig Robeller


© Bayerische Staatsoper