Das Libretto zu Karl Amadeus Hartmanns
Simplicius Simplicissimus schrieb ein Dirigent: Hermann Scherchen tat klug daran, sich weitgehend auf eine literarisch hochwertige Vorlage zu verlassen, aus Grimmelshausens Roman drei schlagkräftig bezeichnende Szenen auszuwählen und den moralischen Zeigefinger in der Tasche zu lassen. Hartmanns Oper, in dunkler Zeit entstanden (1935), ist aufgrund ihrer pazifistischen Haltung und "bolschewistischen" Musik auch ein mutiges Zeitdokument. Die Idee, die Simplicius-Figur dem Sopran, der einzigen Frauenstimme, anzuvertrauen, ist als Botschaft gegen eine dumm-brutale Männerwelt so simpel wie einleuchtend: Simplicius überlebt, während in Europa zwei Drittel der Menschen zugrunde gehen.
Heinz Fricke und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks haben das Hauptwerk des Vaters der Münchner
Musica viva 1986 in einer bemerkenswerten Aufnahme vorgelegt (
Schott/Wergo, 2 CD), die Titelpartie sang
Helen Donath, deren glockenreiner Sopran das (hervorragend besetzte) Männerensemble ebenso glänzend überstrahlt wie in die Schranken weist.
Ludwig Robeller