Orlando - CD-Tipp

Orlando
Georg Friedrich Händel
Unbekannter Librettist, basierend auf einem Text von Carlo Sigismondo Capece nach Ludovico Ariost

The Academy of Ancient Music unter Christopher Hogwood mit James Bowman, Arleen Augér, Emma Krikby, Catherine Robbin, David Thomas

Decca, 3 CD


Orlando
 


Mit der am 27. Januar 1733 am Londoner King's Theatre am Haymarket uraufgeführten Oper Orlando wird die Trias der auf Ludovico Ariostos Orlando furioso basierenden Bühnenwerke Georg Friedrich Händels an der Bayerischen Staatsoper komplettiert. Ariostos zu Händels Zeit schon zweihundert Jahre altes Versepos kann in seiner Bedeutung gar nicht überschätzt werden: Das singuläre Werk war in den romanischen Ländern, aber auch in England, also bei Händels Publikum, immer noch das neben der Bibel meistgelesene und bekannteste Buch überhaupt, es zählte zur Pflichtlektüre adeliger und gebildeter Kreise, war aber auch beim "gemeinen Volk" im wahrsten Wortsinn unglaublich populär. Sieht man sich einmal die Wirkungsgeschichte von Ariostos phantastischem, farbenprächtigem und vielschichtigem Opus etwas genauer an, die sich von Shakespeares Ein Sommernachtstraum bis zu Tolkiens Der Herr der Ringe zieht, finden sich schnell eine Menge Gründe für diese Popularität: Zum einen fühlten sich Menschen unterschiedlichster Bildungskreise seit jeher vom Fabelhaften, jedes Vorstellungsvermögen Übersteigenden angezogen und fasziniert. Auch die Vielschichtigkeit der Handlung von glücklichen und tragischen Liebesgeschichten über Fahrten zum Mond bis hin zu grässlichen Gemetzeln bietet jedem etwas. Da Ariosto in seinem Versepos, das von Zarathustra und der Ilias über die Artus-Sage, Kreuzfahrerlegenden und natürlich das aus dem 9. Jahrhundert stammende Rolandslied bis zur realen Geschichte des europäischen Mittelalters jede erdenkliche Quelle ausbeutet, geradezu eine Parallelwelt aufbaut, wurde das Werk auch immer als Flucht in die Traumwelt genutzt. Für die Opernkomponisten des Barockzeitalters war dieser riesige Versroman gerade in seiner Vielschichtigkeit natürlich ein gefundenes Fressen, bot sich hier doch ganz komprimiert die Möglichkeit, auf eine Unzahl phantastischer Geschichten zurückzugreifen und die ganze Maschinerie des zeittypischen Zaubertheaters ebenso in Gang zu setzen wie alle denkbaren menschlichen Affekte in Arien zu verwandeln.
Georg Friedrich Händel bediente sich dreimal: Behandelt Alcina eine bekannte Episode aus den Kreuzfahrerlegenden und kommt Orlando im Ariodante in persona gar nicht vor, geht es im Orlando um das zentrale Thema selbst: den Triumph der Vernunft über die "Verrücktheit" eifersüchtiger Liebe am Ende des Epos, exemplifiziert am Titelhelden. Nicht umsonst heißt Domenico Scarlattis 1717 nach einem Libretto Carlo Sigismondo Capeces (das der wie so oft bei Händel nicht bekannte Textautor - vielleicht Händel selbst - als Grundlage verwendete) komponierte Oper L'Orlando, overo La gelosa pazzia. Nicht die Verrückte Eifersucht (gelosia pazza) steht wie in so vielen Barockopern im Mittelpunkt, sondern tatsächlich die eifersüchtige Verrücktheit (pazzia gelosa). Da der barocke Mensch natürlich nicht in der Lage ist, selbst aus seinen Verstrickungen heraus zu finden, ist es auch hier wieder eine überirdische Macht, die eingreifen muss: Ein Adler (!) bringt den himmlischen Trank, mit dem Zoroastro (!), der Don Alfonso dieses Werks, Orlando heilt.
Die überdimensionale Titelpartie schrieb Händel für keinen Geringeren als Senesino - welche Herausforderung für einen Sänger unserer Tage! David Daniels, der "Helden-Countertenor" unserer Tage wird ihr mit Bravour gewachsen sein - doch auch James Bowman, der die Partie lyrisch anlegt (mehr Affekt als Effekt!), macht in Christopher Hogwoods Gesamtaufnahme des Orlando von 1990 (Decca, 3 CD) eine überzeugende Figur. Besonders interessant wird Hogwoods insgesamt ausgezeichnete, auch klangtechnisch überragende Einspielung aber durch die exquisite Besetzung der drei von Händel für Frauenstimmen vorgesehenen Rollen: Arleen Augér (Angelica - glockenrein und wahrlich "engelsgleich"), Emma Kirkby (Dorinda - geistvoll und stupend-virtuos wie immer) und Catherine Robbin in der ausdrücklich für Alt bestimmten Partie (Senesino duldete keinen zweiten Kastraten neben sich!) des afrikanischen Prinzen Medoro. David Thomas (Zoroastro) gibt mit mächtig orgelndem Bass den Rahmen vor und löst am Ende alles souverän in Wohlgefallen auf. Insgesamt eine wunderbar "entspannte" und stimmige Händel-Einspielung!
Ein kleiner Tipp am Rande: Lesen Sie noch mal den Orlando furioso. Er ersetzt eine ganze Fantasy-Bibliothek...

Ludwig Robeller