Salome / Das Gehege - CD-Tipp

Salome / Das Gehege
Wolfgang Rihm /
Richard Strauss

Richard Strauss - Salome
Karajan/Behrens, EMI Classics, 1977

Wolfgang Rihm - Dis-Kontur, Sub-Kontur, Unbenannt IV
Edition Musica Viva


 
 


Was bleibt von einer Oper, in der so viel von „Sehen“, An-Sehen und Voyeurismus die Rede ist wie in „Salome“, übrig, wenn man sich aufs Auditive beschränkt? Dieses Werk ist nun wahrlich keine Schallplattenoper. Dennoch reichte seine Faszination aus, um eine ganze Reihe von Meister-Aufnahmen hervorzubringen. Im Studio kann man bekanntlich Rollen mit Sängern besetzen, die sie auf der Bühne aus diversen Gründen nicht verkörpern (könnten oder wollten). Eine besondere Vorliebe dafür hatte der Dirigent, der Stimmen entdeckte, „erkannte“ und einsetzte wie kein anderer: Herbert von Karajan. Seine (einzige) Aufnahme des Strauss-Einakters aus dem Jahre 1977 (EMI Great Recordings of the Century, 2 CD) erfüllt alle Ansprüche, die man an eine gelungene, raffinierte „Salome“-Produktion stellen kann: In der Titelpartie, laut Strauss selbst bekanntlich eine „17-Jährige mit Isoldenstimme“, zieht Hildegard Behrens alle Register ihres Könnens und ihrer stimmdarstellerischen Intelligenz und – was am wichtigsten ist – wirkt glaubhaft. José van Dam, ein Lieblingssänger Karajans, verkörpert Jochanaan als vielschichtige Figur, nimmt dem Propheten das Penetrante, zeigt sich als durchaus nicht gänzlich ungefährdet von Salomes Avancen (und dies alles nur mit stimmlichen Mitteln!). Als Tetrarchenpaar treten Karl-Walter Böhm und – ein besonderer Coup – Agnes Baltsa auf. Chargieren durfte man bei Karajan nie (und so gut wie möglich singen musste man immer). „Salome“ ist keine Operette! Hier treten keine Knallchargen auf, sondern wahrhaft gefährliche Figuren – man hört „das Rauschen von mächt’gen Flügeln“ über dem Palast. Karajan konnte es sich leisten, auch die Nebenrollen exemplarisch zu besetzen – ein Grund für die „Geschlossenheit“ vieler seiner Opernproduktionen. Hier wird zum Beispiel das ebenso geniale wie fragwürdige Judenquintett von keinem geringeren als Heinz Zednik angeführt, was seiner Präzision keinen Abbruch tut (!). Für den bei Strauss extrem wichtigen protagonistischen Orchesterpart zeichnen die Wiener Philharmoniker verantwortlich, die in der aufnahmetechnisch hervorragenden Einspielung in allen nur denkbaren Farben leuchten, die Balance von instrumentaler Perfektion und Laissez faire bekanntlich beherrschen, wie wohl kein anderes Orchester der Welt.

Der heute 54-jährige Wolfgang Rihm zählt zu den profiliertesten zeitgenössischen Komponisten überhaupt, nimmt in seiner Generation die Rolle ein, die Hans Werner Henze vor ihm innehatte. Konnte man den „frühen“ Rihm noch getrost als Jeune fauve bezeichnen (ein Werk wie „Die Hamletmaschine“ nach Heiner Müller von 1986 vermittelt diesen Eindruck wohl am besten), hat sich Wolfgang Rihms Klangsprache in den letzten Jahren gemildert, verändert, ohne an Qualität und persönlicher Identität zu verlieren. Besonders gut nachhören kann man diese Komponistenlaufbahn an nicht weniger als 10 CDs von Col legno, dem führenden Label für Zeitgenössische Musik, von denen ich neben der 4 CDS umfassenden Gesamtaufnahme der bislang 12 Streichquartette (einem zwingenden Plädoyer für die Lebensfähigkeit „klassischer“ Kammermusik in unserer Zeit) eine besonders empfehlen möchte: Die Folge 13 der Edition Musica Viva München konfrontiert „Dis-Kontur“ und „Sub-Kontur“ von 1974/75, zwei Orchesterwerke avanciertester, „wild-herausfahrender“ Gestik, mit einem der jüngeren Werk Rihms, „Unbenannt IV“ (2002/03). Hier kann man die Wandlung des Komponisten in direktem Kontrast erleben. Das BR-Symphonieorchester wird geleitet von Leif Segerstam, Sian Edwards und Lothar Zagrosek. Drei Liederzyklen nach Hermann Lenz, Heiner Müller und Rainer Maria Rilke von 1998 – 2000 singt der Tenor Christoph Prégardien, einer der ganz großen Liedinterpreten unserer Zeit, kongenial begleitet von Siegfried Mauser. Feinnervige, immer dem Wort verpflichtete Liedkunst auf höchstem Niveau.