Die Entführung aus dem Serail - CD Tip

Die Entführung aus dem Serail
Wolfgang Amadeus Mozart
Johann Gottlieb Stephanie d.J.


 
 


Schon im Gründungsjahr 1922 stand Mozarts deutsches Singspiel unter der Leitung von Franz Schalk auf dem Programm der Salzburger Festspiele. In den folgenden 43 Jahren kam das bezaubernde Werk, dessen unbeschwerte Heiterkeit in idealer Weise mit dem spezifischen Charme der Festspielstadt konveniert, in verschiedenen Neuinszenierungen regelmäßig zur Aufführung; unter den Dirigenten befanden sich Mozart-Koryphäen wie Bruno Walter, Fritz Busch, Karl Böhm, George Szell und Josef Krips, unter den Protagonisten Elisabeth Rethberg, Maria Cebotari, Emanuel List und Richard Tauber. So entstand eine beeindruckende Tradition und ein Anspruch, an dem sich jede Neuproduktion messen lassen musste.

Herbert von Karajan war es, dem es gelang, im Festspielsommer 1965 den italienischen Starregisseur Giorgio Strehler für eine Neuinszenierung der Entführung zu gewinnen. Am Pult der Wiener Philharmoniker stellte sich der 29jährige Zubin Mehta drei Jahre nach seinem Konzertdebüt erstmals als Operndirigent dem Salzburger Festspielpublikum vor. Strehlers sogenannte Scherenschnitt-Inszenierung wurde zu einem der größten Triumphe der gesamten Festspielgeschichte und blieb zehn Jahre im Spielplan. Leider blieb kein Bilddokument dieser Produktion erhalten – dass sich aber nicht nur visuell, sondern auch und gerade musikalisch am 28. Juli 1965 ein Mozart-Wunder ereignete, kann man anhand des Mitschnitts (Orfeo d’Or, 2 CD) heute noch nacherleben. Der junge Maestro bringt den unvergleichlichen Mozartklang der Wiener Philharmoniker in natürlichster Weise zum Blühen, alles wirkt lebendig, frisch, auch übersprudelnd ausgelassen; die lyrischen Momente, die Ruhepunkte fehlen dabei keineswegs. Ein überragendes Debüt.

Strehlers Regiekonzept – nur während der gesprochenen Dialoge ereignete sich Handlung, während der Arien und Ensembles traten die Sänger an die Rampe, standen unbeleuchtet wie Scherenschnitte vor dem lichtblauen Hintergrund – kam den Akteuren zweifellos zugute. Reri Grist (Blondchen) und Gerhard Unger (Pedrillo) wurden nach diesem Premierenabend viele Jahre lang mit diesen Partien nahezu identifiziert, Anneliese Rothenberger (Konstanze), damals im Zenit ihrer Karriere, gestaltete die Rolle mit Noblesse und Anmut, höhensicher und souverän. Etwas kurios wirkt die Besetzung des Osmin mit dem Buffo-König Fernando Corena, doch der gefeierte Leporello schlägt sich wacker, trifft die schwierige Balance von Gefährlichkeit und Komik in ganz eigenständiger, keineswegs alberner Weise. Als Bassa Selim konnte der blutjunge Michael Heltau seinen Charme versprühen – eine kluge Besetzung, erhält Belmonte doch einen gleichwertigen Gegenspieler. Als Sänger hatte dessen Darsteller zu dieser Zeit allerdings schon keinen Gegenspieler mehr. Neben Tamino und Don Ottavio war es gerade der Belmonte, der dem unvergesslichen Fritz Wunderlich auf den Leib und in die Kehle geschrieben war. Eine singuläre sängerische Leistung, bis heute nicht annähernd wieder erreicht.

Neben diesem auch klangtechnisch guten Mitschnitt verblassen alle Studioaufnahmen, die Stimmigkeit eines gelungenen Opernabends lässt sich mit noch so viel technischer Akribie eben nicht herbeizwingen. Wunderlichs Münchner Produktion aus dem selben Jahr (DG, 2 CD) fällt wegen Eugen Jochums allzu betulichen Dirigats deutlich ab, einzig die Wiener Aufnahme unter Josef Krips (EMI, 2 CD), ebenfalls mit Anneliese Rothenberger und Gerhard Unger, dazu Lucia Popp (Blondchen), Nicolai Gedda (Belmonte) und Gottlob Frick (Osmin von der schwäbischen Alb) kann Mischnitt-Abstinenten empfohlen werden. Nicolai Gedda gibt einen noblen, lyrischen Belmonte, technisch perfekt – ein großer Mozart-Tenor, aber kein Wunderlich...

Das Klassikteam von Ludwig Beck