Der fliegende Holländer - CD-Tipp

Der fliegende Holländer
Richard Wagner
Der fliegende Holländer unter Bruno Weil (Pariser Urfassung) mit Jörg Dürmüller, Astrid Weber, Terje Stensvold, Franz-Josef Selig, Kobie van Rensburg, Simone Schröder
Sony/BMG, 2 CD
Der fliegende Holländer
 


Es verwundert doch sehr, dass in der Geschichte der Wagner-Rezeption so überwiegend ideologische und szenisch-inhaltliche Fragen dominieren. Wie wichtig diese heute noch anhaltend sind, steht außer Frage – Wagner wird ein Stein des Anstoßes bleiben. Fast könnte es jedoch scheinen, als wäre die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Komponisten Wagner, seine Infragestellung durch Interpretation, dabei ins Hintertreffen geraten. Hier scheint die Zeit in den 50-er, ja oftmals gar in den 30-er-Jahren (!) stehen geblieben zu sein. Von löblichen Ausnahmen abgesehen, wird gedröhnt und gebrüllt wie eh und je.

Besonders problematisch stellen sich heute die drei frühen seiner kanonisierten Meisterwerke dar, Der fliegende Holländer, Tannhäuser und Lohengrin. Der Hauptfehler – übernommen aus der Zeit des Epigonismus der gralshüterischen Wagner-Nachfolge und bis in unsere Zeit „gerettet“ – besteht in der retrospektiven Sicht. Man hält sich einen Ring vor das eine und den Gral vor das andere Auge und spielt den Holländer. Vom – zur Tristan-Zeit nachkomponierten – Erlösungsschluss in Ouvertüre und Finalszene bis zur Nivellierung der originalen Instrumentation (Wagner schrieb genau vor, wo er Natur- und wo die damals neuen Ventiltrompeten hören wollte): Alles Eingriffe, die das Werk aus seinem musikhistorischen Kontext reißen. Die Weiterentwicklung der deutschen romantischen Oper Webers und vor allem Heinrich Marschners, der Rossini-Einfluss sind im Holländer evident. Wie sich der 28jährige Wagner aus diesen Einflüssen und dem eigenen Genie in dieser Oper selbst erfindet, ist so ungeheuer spannend wie das Werk selbst – und das sollte man auch hören! Was er später schuf, ist für den Fliegenden Holländer irrelevant.

Wie dieser Geniestreich klingen kann (sollte?), hat – ganz aktuell – wieder einmal die Originalklang-Bewegung bewiesen. Sagen Sie bitte nicht „Oh Gott, jetzt zerrupfen die Darmsaitenkratzer auch schon Wagner“! Sie werden nichts hören, was Wagner nicht so hören wollte. Bruno Weil heißt der Übeltäter, der Mitschnitt einer konzertanten Aufführung in der Essener Philharmonie stammt vom Juni 2004 (Sony/BMG, 2 CD). Gespielt wird die „Pariser Urfassung“, getreu Heinrich Heines Vorlage spielt das Stück noch in Schottland, Daland heißt noch Donald, Erik noch Georg, die nicht ganz jugendfreie Textzeile des aus dem Schlaf geschreckten Steuermanns (wie die ganze Rolle glänzend gesungen von Kobie van Rensburg) noch „Ach liebes Mädel, blas’ noch mehr! Mein Südwind...” . Sentas Ballade steht im originalen a-Moll, die jugendlich-frische Stimme Astrid Webers hat damit nicht die geringste Mühe. Um wie viel näher der Jäger Georg noch seinem Kollegen Max als Siegfried oder Tristan steht, zeigt Jörg Dürmüller, einer der Stars der Alten-Musik-Szene.
Blendende Technik und Artikulation, strahlende Höhe – eine Glanzleistung ersten Ranges, auch als Georg der beste Erik, den ich je gehört habe. In der Titelpartie überzeugt der Norweger Terje Stensvold. Vom ersten Auftritt an erlebt man einen Menschen aus Fleisch und Blut, kein wotanisch dröhnendes Alien. Franz-Josef Selig in der Lortzing-Rolle des geldgeilen Bassbuffo (das und kein König Marke ist Donald/Daland!) trifft genau den richtigen falschen Ton, der diese Rolle einzig erträglich macht. Dass Mary auch stimmlich keine alte Schachtel sein muss, demonstriert Simone Schröder. Die glänzenden Chöre (WDR-Rundfunkchor, Prager Kammerchor – für die holländische Mannschaft!) und das Virtuosenensemble Capella Coloniensis musizieren – von Bruno Weil bestens instruiert – unter seiner zupackenden Leitung so frisch, dass man meint, das Stück zum ersten Mal zu hören.

Wen das nicht überzeugt, wer die notorische Fassung des Partiturdrucks von 1896 (der sämtliche nachkomponierten Änderungen beinhaltet) hören möchte, dem sei Antal Doratis damals maßstabsetzende Londoner Einspielung aus dem Jahre 1960 (Decca, 2 CD) empfohlen. Hochdramatisch und wildromantisch dirigiert, bietet die (Referenz-)Aufnahme eine Liebesbegegnung der besonderen Art: Leonie Rysanek und George London – ein Traumpaar, besser geht’s nicht.

Ludwig Robeller