Die Bassariden - CD-Tipp

Die Bassariden
Hans Werner Henze
Wystan Hugh Auden, Chester Kallman nach Euripides

Wie keine andere Kunstform ist die Oper längst selbst zum Mythos geworden – doch bekanntlich verdankt sie ihre Entstehung und Lebensfähigkeit der Adaption anderer Mythen. Von Peri und Monteverdi bis heute ist es vor allem die klassische

 
 


Betrachtet man die vergangenen 400 Jahre Operngeschichte im Überblick, fällt auf, dass die Adaption archetypischer griechischer Mythen dreimal ihre Hochblüte erlebte: Selbstverständlich am Anfang – entstand die Oper doch aus dem Wunsch, das antike Drama mit neuem Leben zu füllen –, dann, als Folge der Aufklärung, im ausgehenden 18. Jahrhundert, und nochmals, beginnend mit Richard Strauss, im 20. Jahrhundert. Die beiden Erneuerungsphasen bedeuteten jeweils ein Korrektiv: Glucks „Reformoper“ zertrümmerte die barocke Affektenlehre und setzte sie im Sinne dramatischer Wahrhaftigkeit neu zusammen. Die singuläre Stellung, die ein Werk wie „Orfeo ed Euridice“ einnimmt, begründet sich in der Stringenz der Handlung, in der Konzentration auf das Wesentliche. Das barocke Operntheater hatte die Stoffe noch wahllos den Anforderungen der Umstände (geeignete Sänger, die Mode aktueller literarischer Erfolge) angepasst, bezeichnenderweise bleiben etwa bei Händel die „intrigenfeindlichen“ griechischen Urmythen außen vor.
Dass Glucks Opernreform aber – bezogen auf ihre Stoffe – für das Musiktheater ohne direkte Folgen blieb, erklärt sich aus den Ansichten des entstehenden Bildungsbürgertums. Zwar hatte die antike Mythologie ihren Platz im Bildungskanon, doch auf der Bühne wollte man anderes sehen: erst das romantische (Schauer)drama, dann den großen Realismus (etwa bei Verdi) oder die musiktheatralische Überhöhung eigener nationaler Mythen (natürlich bei Richard Wagner, doch auch in den nationalen Schulen anderer Länder). Den Endpunkt dieser Entwicklung setzte paradoxerweise eine Oper, die so sehr von antiker Mythologie geprägt ist wie wenige andere: Strauss’ „Elektra“. Was Hofmannsthal und Strauss mit dem brutalsten Werk der Operngeschichte da schufen, war – und das wusste Strauss auch – nicht mehr steigerungsfähig, aber es öffnete ihm die Augen für das, was er in seiner Schaffenskraft der griechischen Mythologie abgewinnen konnte: Mit „Ariadne auf Naxos“ und den Folgewerken beginnt eine neue Phase der „Reformoper“.

Wie in Strauss’ Schaffen ein Wendepunkt, war die Adaption griechischer Mythen für das Musiktheater, von nun an selbst ein grundsätzliches Korrektiv: als Gegenentwurf zu einer zunehmend materialistischen, technokratischen Welt, als Überhöhung und Wiederbesinnung auf das archetypisch Schöne, Wahre. Dabei geht es nicht um bukolische Heiterkeit, doch die Sichtweise ist anders – lakonisch, objektiv, ehrlich, weder romantisch noch zeitabhängig, „vorbildlich“. Ein ganz typisches Beispiel dafür sind „Die Bassariden“, Hans Werner Henzes Vertonung der „Bakchen“ des Euripides (1964/65), ein Stoff, dessen Aktualität den zeitlosen Vorbildcharakter der attischen Tragödie bestürzend bezeugt. Heute endlich kann er als Kampf zwischen dem Animalischen des Menschen und der kontrollierend-warnenden Vernunft verstanden werden – unsere Geschichte hat uns wach dafür werden lassen. Henzes wohl gewaltigste, zwingendste Oper erlebte am 6. August 1966 bei den Salzburger Festspielen ihre Uraufführung und trotz ihrer immensen Schwierigkeiten für alle Beteiligten taucht sie als eines der wenigen Werke des Musiktheaters nach 1945 immer wieder in den Spielplänen auf.

Der Aufführungsmitschnitt hat sich in den Archiven des Österreichischen Rundfunks erhalten und wurde im Rahmen der Serie Salzburger Festspieldokumente bei Orfeo veröffentlicht (2CD). Unter der souveränen Leitung des damals noch jungen Christoph von Dohnányi standen mit Loren Driscoll (Dionysos), Kostas Paskalis (Pentheus), Peter Lagger (Kadmos), Helmut Melchert (Teiresias), William Dooley (Hauptmann), Kerstin Meyer (Agaue), Ingeborg Hallstein (Autonoe) und Vera Little (Beroe) Sänger auf der Bühne, die den gewaltigen Anforderungen der Partitur ohne Einschränkungen gewachsen waren – als Ensemble ohne Starallüren, den Intentionen des überzeugten Humanisten Henze entsprechend, der mit den „Bassariden“, in der Mitte seines grandiosen Opernwerks, sein Hauptwerk schuf – nicht zufällig gespeist aus den Quellen des griechischen Mythos, ausformuliert vom größten Dramatiker in der ersten Demokratie der Menschheit.