Die Meistersinger von Nürnberg - CD-Tipp

Die Meistersinger von Nürnberg
Richard Wagner
EMI, 4 CDs, 1994

Wolfgang Sawallisch

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

 


Hans Sachs: Bernd Weikl
Walther von Stolzing: Ben Heppner
David: Deon van der Walt
Pogner: Kurt Moll
Beckmesser: Siegfried Lorenz
Eva: Cheryl Studer
Magdalena: Cornelia Kallisch


Sucht man nach Gemeinsamkeiten der drei bei den diesjährigen Opern-Festspielen 2004 neuinszenierten Werke, wird man sich im Bereich des Szenisch-Dramaturgischen recht schwer tun. Was verbindet Richard Wagners Meistersinger, die Hymne auf die bürgerlich-individuelle Kreativität, mit Brittens The Rape of Lucretia, einer Oper, die einerseits nahezu dreihundert Jahre nach Purcells Dido and Aeneas die Tradition der englischen Barockoper mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts wieder aufnimmt, andererseits Brittens religiöses Credo formuliert? Wo positioniert sich in diesem Feld Debussys einziges vollendetes Musikdrama Pelléas et Mélisande, dieses lyrisch-introvertierte "Anti-Theaterstück", das seine Sogwirkung aus dem Atmosphärischen gewinnt, passiv erduldende anstelle theatralisch handelnder Menschen zeigt? Fragen, die keiner Antwort bedürfen - das faszinierend Lebendige des Musiktheaters besteht gerade in der Variabilität seiner Antworten auf die Grundfragen der Kunst, also des Lebens selbst; die immergleichen Konflikte erfahren die verschiedensten Lösungsmöglichkeiten - alle sind denkbar, alle paradoxerweise richtig.

Im Musikalischen hingegen sind sich unsere drei Beispiele trotz aller evidenten stilistischen Divergenzen näher, als man gemeinhin annimmt. Debussys Begeisterung für Tristan und Isolde ist bekannt - und konnte Wagner die Johannisnacht der Meistersinger trotz ihrer phasenweisen drastischen Komik ohne die Erfahrung des Tristan-Wunders zustandebringen? Brittens musikalischer Duktus, seine kammermusikalisch filigrane Orchesterbehandlung beziehen sich genauso auf Werke wie Pelléas et Mélisande wie seine theatralische Durchschlagskraft, sein Theaterspürsinn im barocken Musikdrama ihre Wurzeln finden. All dies - das Atmosphärische des Pelléas, das Künstlerisch-Apotheotische der Meistersinger, das in der theatralischen Realität Unsagbare der dadurch dem Selbstmord geweihten Lucretia - vermittelt uns der heimliche Protagonist dieser Opern, dessen Sprache eben über das Sagbare hinausgeht - das Orchester. Natürlich sind es auch hier wie in allen Werken des Musiktheaters die Handelnden auf der Bühne, die die Hauptebene des Ablaufs bestimmen, doch gerade in diesen drei Opern gelangt eine Metaebene zu eminenter Bedeutung, ohne die ihnen ihre geniale Integrität fehlte: die orchestrale Antithese.

Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, Ihnen drei Mustereinspielungen zu empfehlen, die neben erstklassigen Gesangsleistungen den hohen Anforderungen an den Protagonisten im Orchestergraben in besonderem Maße gerecht werden.

Als 1994 Wolfgang Sawallischs Produktion der Meistersinger von Nürnberg erschien, hatten dessen Münchner Jahre mit ihr einen krönenden Abschluss gefunden. Die langjährige Verbundenheit mit seinem Bayerischen Staatsorchester, die vielen gemeinsam erlebten triumphalen Vorstellungen des Werks führen in dieser Aufnahme zur finalen Synthese. Das satte Forte, das strahlende, nicht scheppernde Fortissimo, vor allem aber die in den Meistersingern überaus wichtigen unendlich differenzierten Abstufungen vom Parlando des Mezzopianos bis zum flüsternd-heimlichen ppp hört man ohne Beckmesser'sche Pingeligkeit mit David'scher Präzision und Sachs'scher Wärme - wohl in keiner anderen Meistersinger-Einspielung wird man sich so vieler sonst überhörter orchestraler Details bewusst wie in dieser. Unvergesslich der Moment am Ende des zweiten Aufzugs, wenn das Orchester - nicht der Nachtwächter - mit dem wunderbaren Johannisnacht-Motiv der außer Rand und Band geratenen Prügelei ein Ende setzt.

Bernd Weikl verkörpert Hans Sachs. Seine immense Erfahrung in der wohl schönsten männlichen Rolle der Literatur gestattet ihm, alle Facetten dieser vielschichtigen Persönlichkeit glaubhaft werden zu lassen. Auf hohem Niveau präsentieren sich Ben Heppner (Stolzing), Deon van der Walt (David), Cheryl Studer (Eva), Kurt Moll (Pogner), Cornelia Kallisch (Magdalena), Siegfried Lorenz in seiner köstlichen Beckmesser-Studie und die ganze hochkarätig besetzte Meistergilde (EMI, 4 CD).

Die TAKT-Redaktion