La Calisto - CD-Tipp

La Calisto
Francesco Cavalli
Giovanni Faustini

Cavallis La Calisto in der einzigartigen Einspielung unter René Jacobs. Ein Juwel aus der Hand des wichtigsten Komponisten des Frühbarock.
La Calisto
 


Hält man die stilistische Veränderung (von "Fortschritt" sollte man besser nicht sprechen) der Oper in den siebzig Jahren, die zwischen Mozarts Zauberflöte und Wagners Tristan liegen, heute für selbstverständlich, so weiß man über den etwa gleich langen Zeitraum zwischen Monteverdis Poppea und Händels Rinaldo herzlich wenig. Natürlich fallen die Unterschiede sofort ins Ohr - monodische Struktur versus melodienselige geschlossene Form, Primat des Wortes versus affektbestimmter Arienkanon, angedeutete Begleitung als harmonische Stütze versus auskomponierter Orchestersatz -, doch wie und durch wen sie zustande kamen, ist weithin unbekannt.

In Francesco Cavalli, eigentlich Caletti, (1602-1676) begegnen wir dem bedeutendsten Opernkomponisten der ersten Generation nach Monteverdi. Er kam im Alter von vierzehn Jahren auf Vermittlung des venezianischen Adeligen Federico Cavalli, dessen Namen er auch annahm, nach Venedig und wurde Chorsänger an San Marco. Monteverdi war dort maestro di cappella, und natürlich war die Begegnung mit dem größten Musiker seiner Zeit für den jungen Cavalli richtungsweisend und entscheidend. Wie sein Lehrer und Vorbild komponierte auch er Sakralmusik und noch zu Monteverdis Lebzeiten wurde 1639 seine erste Oper Le nozze di Teti e di Peleo aufgeführt. Dem Erfolg seines Erstlings schloss sich eine große Karriere als Opernkomponist an, er schuf nicht weniger als 33 Bühnenwerke. Als seine bedeutendsten Opern gelten heute Egisto (1642), ein Werk das seinen Ruhm über Italien hinaustrug, und vor allem La Calisto (1651/52).

An diesem frühen Meisterstück der italienischen Oper lassen sich sehr schön Cavallis stilistische Neuerungen erkennen: Monteverdis musikdramatisch "offene", rezitative Form ist zwar strukturell noch vorhanden, die einprägsamen (und wunderschönen!) Melodien - oft bereits in geschlossener Arienform - dienen aber bereits ebenso zur Individualisierung der ungemein farbig gezeichneten Protagonisten wie der Textinhalt. Da die Arientypen noch nicht wie später im Hochbarock kanonisch festgeschrieben waren, konnte Cavalli völlig frei alle Register der musikalischen Charakterisierung ziehen. Diese souverän gehandhabte Freiheit gehört ebenso zu seinem Personalstil wie sein melodischer Erfindungsreichtum, der ihn zum ersten großen Belcantisten der italienischen Operngeschichte machte.

René Jacobs, als Sänger selbst ein begnadeter Belcantist, nahm La Calisto 1994 mit einer handverlesenen Sängerschar und seinem Concerto Vocale für Harmonia mundi france auf (3 CD). Auch in einer Zeit, in der an spektakulären CD-Entdeckungen barocker Bühnenwerke wahrlich kein Mangel herrscht, kommt seiner Einspielung doch ein Sonderstatus zu. Die glänzende Besetzung (Maria Bayo in der Titelrolle, Simon Keenlyside, Marcello Lippi, Graham Pushee, Alessandra Mantovani, in zwei komischen Nebenrollen glänzt auch noch kein Geringerer als Dominique Visse) bestimmt den Ausnahmerang der Produktion natürlich mit, doch es sind vor allem Jacobs' akribischer Spürsinn für die Feinheiten der Partitur, seine Genauigkeit, seine Cavalli ebenbürtige Freiheit, die La Calisto zu einem besonderen Juwel seiner umfangreichen Diskographie gemacht haben. 

Ludwig Robeller