Pelléas et Mélisande - CD-Tipp

Pelléas et Mélisande
Claude Debussy
Maurice Maeterlinck

Deutsche Grammophon, 2 CDs, 1990

Claudio Abbado
Wiener Philharmoniker

Francois le Roux, Maria Ewing, José van Dam, Jean-Philippe Courtis, Christa Ludwig

 


Sucht man nach Gemeinsamkeiten der drei bei den diesjährigen Opern-Festspielen 2004 neuinszenierten Werke, wird man sich im Bereich des Szenisch-Dramaturgischen recht schwer tun. Was verbindet Richard Wagners Meistersinger, die Hymne auf die bürgerlich-individuelle Kreativität, mit Brittens The Rape of Lucretia, einer Oper, die einerseits nahezu dreihundert Jahre nach Purcells Dido and Aeneas die Tradition der englischen Barockoper mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts wieder aufnimmt, andererseits Brittens religiöses Credo formuliert? Wo positioniert sich in diesem Feld Debussys einziges vollendetes Musikdrama Pelléas et Mélisande, dieses lyrisch-introvertierte "Anti-Theaterstück", das seine Sogwirkung aus dem Atmosphärischen gewinnt, passiv erduldende anstelle theatralisch handelnder Menschen zeigt? Fragen, die keiner Antwort bedürfen - das faszinierend Lebendige des Musiktheaters besteht gerade in der Variabilität seiner Antworten auf die Grundfragen der Kunst, also des Lebens selbst; die immergleichen Konflikte erfahren die verschiedensten Lösungsmöglichkeiten - alle sind denkbar, alle paradoxerweise richtig.

Im Musikalischen hingegen sind sich unsere drei Beispiele trotz aller evidenten stilistischen Divergenzen näher, als man gemeinhin annimmt. Debussys Begeisterung für Tristan und Isolde ist bekannt - und konnte Wagner die Johannisnacht der Meistersinger trotz ihrer phasenweisen drastischen Komik ohne die Erfahrung des Tristan-Wunders zustandebringen? Brittens musikalischer Duktus, seine kammermusikalisch filigrane Orchesterbehandlung beziehen sich genauso auf Werke wie Pelléas et Mélisande wie seine theatralische Durchschlagskraft, sein Theaterspürsinn im barocken Musikdrama ihre Wurzeln finden. All dies - das Atmosphärische des Pelléas, das Künstlerisch-Apotheotische der Meistersinger, das in der theatralischen Realität Unsagbare der dadurch dem Selbstmord geweihten Lucretia - vermittelt uns der heimliche Protagonist dieser Opern, dessen Sprache eben über das Sagbare hinausgeht - das Orchester. Natürlich sind es auch hier wie in allen Werken des Musiktheaters die Handelnden auf der Bühne, die die Hauptebene des Ablaufs bestimmen, doch gerade in diesen drei Opern gelangt eine Metaebene zu eminenter Bedeutung, ohne die ihnen ihre geniale Integrität fehlte: die orchestrale Antithese.

Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, Ihnen drei Mustereinspielungen zu empfehlen, die neben erstklassigen Gesangsleistungen den hohen Anforderungen an den Protagonisten im Orchestergraben in besonderem Maße gerecht werden.

Was Claudio Abbado und die Wiener Philharmoniker 1990 an schierer Klangqualität im wahrsten Wortsinn, geheimnisvoller Atmosphäre, allen denkbaren Farbvaleurs und stimmiger Phrasierung aus der Pelléas et Mélisande-Partitur zauberten, sei - ohne den großen französischen Orchestern zu nahe treten zu wollen, dringend zur Nachahmung empfohlen (DG, 2 CD). Das hochrangige und stimmige Sängerensemble mit François le Roux (Pelléas), Maria Ewing (Mélisande), José van Dam (Golaud), Jean-Philippe Courtis (König Arkel) und Christa Ludwig (Geneviève) interpretiert Maeterlinck-Debussys Schicksals-Sklaven mit der objektiven Qualität, die dem Hörer die Essenz dieses Meisterwerks verstehen läßt: Arkels Bekenntnis "Ich, wäre ich Gott, ich hätte Mitleid mit den Herzen der Menschen..."

Die TAKT-Redaktion