Dornröschen - CD-Tipp

Dornröschen
Ballett von Marius Petipa
Musik von Peter I. Tschaikowsky

Die Einspielung des Russischen Nationalorchesters unter Michail Pletnew ist in jeder Hinsicht gelungen - musikalisch und klangtechnisch eine Spitzenleistung.



 


Keine musikdramatische Gattung ist so eng und nahezu ausschließlich
mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden wie das große
abendfüllende Handlungsballett. Die Emanzipation des Bühnentanzes von der oberflächlichen Unterhaltung im Sinne des Divertissements oder der Opern-Einlage der Pariser Tradition hin zu dem Gesang gleichrangigen Handlungsträger entsprach der Kunstästhetik der musikalischen Spätromantik in idealer Weise.
War es in der ersten Jahrhunderthälfte noch möglich gewesen, die genuin romantische Hinwendung zu phantastischen, exotischen oder skurrilen Stoffen der Opernbühne anzuvertrauen – paradigmatisch in den bedeutendsten Werken Bellinis und Donizettis –, funktionierte dies nun nicht mehr glaubhaft. Verdi und Wagner, die großen Realisten, hatten der Gattung Oper eine neue Richtung gewiesen, für das märchenhaft Zarte, verfeinert Ästhetische, das Rührstück im besten Sinne bot die Oper keinen Platz mehr.

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, auch er in seinen bedeutendsten Opern ein großer Realist, erkannte dies wie kein anderer seiner Zeit – und die Umstände, die es ihm ermöglichten, die drei Gipfelwerke der Gattung zu schaffen, konnten günstiger kaum sein. In Iwan Wsewoloschsky, dem Direktor der Kaiserlichen Theater in St. Petersburg, hatte er einen Förderer, der ihm künstlerischen Freiraum ließ, in Marius Petipa, dem Ballettmeister, den Praktiker, der seine Inspiration kongenial und bis heute gültig in Bewegung verwandelte.

Kann Schwanensee, dem genialen Erstling von 1877, ähnlich seinem Schwesterwerk, dem b-moll-Klavierkonzert, noch formale Unausgewogenheit zur Last gelegt werden, präsentiert sich Die schlafende Schöne (wie Dornröschen im Original getreu der Vorlage Charles Perraults von 1697 heißt) als geschlossene, wahrhaft symphonische Großform. Das Werk, in wenigen Wochen um die Jahreswende 1888/89 zwischen der 5. Symphonie und Pique Dame entstanden, zählt trotz seiner kurzen Entstehungszeit zu den ausgefeiltesten und bestgearbeiteten Partituren Tschaikowskys. Melodische Platitüden, harmonisches Ungeschick und banale Instrumentationsfehler wird man in Dornröschen, Tschaikowskys längstem Orchesterwerk, vergeblich suchen. Vielmehr erlebt man, um mit Petipa zu sprechen, schäumende Musik, die jedermann emporfliegen lässt, eine Komposition, überquellend von Schönheiten im großen Bogen wie in jedem Detail – ein Musikdrama ohne Worte.

Vorurteile werden nicht richtiger, werden sie stereotyp wiederholt. Ein unausrottbares Vorurteil besteht gegen russische Orchester als Interpreten russischer Musik – "hyperromantisch, schmalzig, grobschlächtig, viel Herzblut – wenig Verstand". Das ist ganz allgemein grober Unfug, besonders aber, wenn man sich mit den Konzerten und CD-Einspielungen des Russischen Nationalorchesters auseinandersetzt.

Das erst 1990 von Michail Pletnew, einem der besten und tiefsinnigsten Musiker unserer Zeit – sei es als Pianist oder Dirigent –, gegründete Ensemble verbindet Musikalität und Musikantentum, orchestrale Brillanz und strukturales Aufeinander-Hören in so frappierender Selbstverständlichkeit, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Die im Oktober 1997 im wunderbaren Tschaikowsky-Saal des Moskauer Konservatoriums entstandene Gesamtaufnahme des Dornröschen (DG, 2CD) zeigt alle Tugenden des Orchesters: den schlanken, doch warmen Klang im Tutti wie in allen instrumentalen Details, die grenzenlose technische Brillanz (immer als Basis musikalischer Sinnfälligkeit!), die freudige Intelligenz der Spielkultur. Und Pletnew, der Pianist und "Laie" am Pult? Um einen Satz Sergiu Celibidaches umzukehren – ein Musiker kann auch dirigieren. Die auch klangtechnisch exzellente Einspielung (der kostbare Saalklang bleibt klar und natürlich erhalten) stellt unseres Erachtens die gelungenste Aufnahme eines der drei Tschaikowsky-Ballette dar.

Die TAKT-Redaktion