Les Ballets Russes - Inhaltsangabe

Bronislawa Nijinska: Les Biches

Les Ballets Russes


Musik von Nikolai Rimski-Korsakow, Francis Poulenc und Peter I. Tschaikowsky

 

SHÉHÉRAZADE

Wir befinden uns im luxuriösen Harem von Schariar, dem König beider Indien und Chinas. Zu seiner Linken sehen wir Zobéide, die Lieblingsfrau, zur Rechten seinen Bruder, Schah Zeman. Schariar kann sich den Liebkosungen Zobéides nicht öffnen, denn sein Sinn ist befangen in Argwohn. Sein Bruder Zeman, der zerfressen ist vom eigenen Leiden an der Untreue der Frauen, hat ihn entfacht. Er wird nicht müde, in seinem Bruder Verdacht gegen seine Gemahlinnen zu schüren. Schariar befiehlt den Obereunuchen zu sich. Der ruft drei Odalisken, seinen Herrn zu unterhalten. Doch ihr Tanz vermag Shariar nicht zu fesseln. Er kündigt an, auf die Jagd gehen zu wollen. Während seine Frauen ihn bitten, doch zu bleiben, ist Zobéide voll Furcht, der Jagdausflug könnte nur ein Vorwand sein, sich nach einer neuen Lieblingsfrau umzusehen.

Kaum haben Shariar und Zeman den Harem verlassen, bestechen die Frauen den Obereunuchen mit Schmuck und Tand, dass er die Türen des Harems öffnet. Die männlichen Sklaven des Hauses brechen wie ein ersehntes Gewitter in die Szene und bemächtigen sich der Frauen. Zobéide erwirkt vom Obereunuchen auch die Öffnung der letzten Tür. Einem Orkan gleich, stürmt ihr Geliebter herein, der Goldene Sklave, und wirft sich ihr zu Füßen. Ein ekstatischer Liebesakt eint das Paar; dessen Vorbild der ganze Harem in einer wilden Orgie folgt. Auf deren Höhepunkt kehren Shariar und Zeman zurück. Furchtbar sehen sie ihren Argwohn bestätigt. Wachen metzeln die Sklaven und Frauen erbarmungslos nieder. Auch der Goldene Sklave stirbt. Tief in seiner Liebe zu Zobéide getroffen, sucht Shariar nach Antwort für ihren Verrat. Schon ist er bereit, ihr zu verzeihen, als sein Bruder mit bitterem Nachdruck auf den toten Goldenen Sklaven weist. Da befiehlt Shariar auch Zobéides Tod. Sie entreißt einem der Umstehenden den Dolch und tötet sich selbst. Shariar bleibt in Verzweiflung zurück.

 

LES BICHES

Die Szene, die Zeit: Ein Sommernachmittag an der Côte d’Azur; eine Villa mit offenen Fenstern und zweifellos auch offenen Türen, eingerichtet mit der Atmosphäre teuerster Leere, nach der es die Innenarchitekten der 20er Jahre, (nur sie?), luxuriös verlangte. Das Personal: ein Heer von „Biches“*, den französischen Backfischen, zwei exzentrische Damen und drei recht sportliche Burschen, die in ihren knappen Strandtrikots für die nötige erotische Verwirrung unter dem weiblichen Element sorgen. 

Ein frivoles Spiel mit dem Flirt, (und hinter den Kulissen sicher nicht nur damit); eine Mischung aus kichernder Naivität und Snobismus, das Porträt einer Zeit und einer Gesellschaft, „das schickste Ballett, das je erfunden wurde“. Es ist ein spielerischer, leicht maliziöser Kommentar zu jeder Art von modischem Party-Zeitvertreib, in dem sich – gespiegelt in einer streng definierten Epoche – die luxuriösen Wichtigtuer aller Zeiten wiedererkennen können.

Es ist das Geheimnis dieses Balletts, dass es alles andeutet und nichts ausspricht – eine Einladung an die Zuschauer, die, wenn sie literarisch versiert sind, Gertrude Stein, Proust und Fitzgerald hier wiederfinden, oder, als Verehrer der Ecole du Paris, in allen Wonnen von Laurencins Pastellharmonien schwelgen können.

Bronislawa Nijinska hat mit diesem Werk schon vor George Balanchine den Neoklassiszismus des Balletts begründet. Nach den Reformen Fokines und den avantgardistischen Experimenten ihres Bruders Vaslav nutzte Bronislawa Nijinska in ihren Choreographien wieder das reine, klassische Vokabular, das sie meisterhaft gleichzeitig aus der Musik wie aus der dramatischen Situation heraus einsetzt. Ein Ballett, das vollkommen einen Zeitgeschmack repräsentiert, das vollkommen und ausschließlich einer begrenzten Epoche zugeordnet scheint; und das doch diesen Zeitgeschmack durch den großartigen Zusammenklang von choreographisch-dramatischer Formung, Musik und Ausstattung ins Überzeitliche transzendiert. 

*Les Biches sind im französischen die jungen Hirschkühe, aber im übertragenen Gebrauch auch junge Mädchen, „Backfische“, zu Zeiten, als man das Wort Teenager noch nicht kannte.