La Fille mal gardée - Weitere Infos

La Fille mal gardée. Ensemble. ©Wilfried Hösl La Fille mal gardée. Cyril Pierre, Ensemble. ©Wilfried Hösl La Fille mal gardée. Ilana Werner, LukᚠSlavický. ©Wilfried Hösl
La Fille mal gardée
Frederick Ashton

Musik von Ferdinand Hérold / John Lanchbery

Uraufführung am 28. Januar 1960, Royal Ballet London

Premiere beim Ballett der Bayerischen Staatsoper am 18. Mai 1971 im Nationaltheater, München

Neueinstudierung beim Bayerischen Staatsballett am 16. Oktober 1994 im Nationaltheater, München

 

Das Bayerische Staatsballett präsentiert Englands geniale Ballett-Idylle La Fille mal gardée im Prinzregententheater

So viel Selbstironie kann nur ein Engländer wie der Choreograph Frederick Ashton haben, wenn er von seinem Meisterwerk als einer "Pastorale für Arme" spricht (anspielend auf Beethovens 6. Sinfonie)! Und wie viel Selbstbewusstsein gehört dazu, wenn man im Jahre 1960 die heiterste, idyllischste Geschichte der Welt choreographiert, - wo doch in Theater und Musik der unbedingte Realismus, die asketische Atonalität die Herrschaft an sich gerissen hatte. Unbekümmert um die Dogmen des Zeitgeistes erzählt Ashton eine uralt-zauberhafte Geschichte von Lise, Tochter der Witwe Simone, die mit dem beschränkten, aber reichen Landbesitzers-Sohn Alain verheiratet werden soll. Doch die mütterlichen Pläne werden durchkreuzt vom jungen Bauern Colas. Es kommt dahin: Lise ist für ein paar Momente „mal gardée“ – schlecht behütet. Und der Mutter bleibt nichts anderes übrig, als in die Ehe der jungen Liebenden einzuwilligen.

Stellen wir uns ein auf: ein leibhaftiges Pony; auf tanzende Hühner und einen stolzen Hahn, und auf eine ländliche Gesellschaft, die ursprünglich 1789 in Frankreich beheimatet war. Frederick Ashton hat sie nach England transferiert. Und da sehen wir sie nun so schreiend englisch, dass man sich zu wundern vergisst, weshalb nicht ein einziger Cup of Tea mitspielt.

Man muss sich vorstellen: im Londoner Theater begannen die „angry young men“ den Ton anzugeben, angeführt von John Osborne im Schauspiel und Kenneth MacMillan auf der Ballettbühne. Musikalisch hatte beim Royal Ballet gerade Hans-Werner Henze in Ondine klargemacht, dass die der Gegenwart angemessene Klangsprache atonal zu sein hat.

Und dann kommt Fredrick Ashton und entführt uns aufs englische Land, in eine Welt ewigen Frühsommers und dauernden Sonnenscheins, in dem hübsche Bauernburschen und zauberhafte Bauernmädchen im lauschigen Laubschatten, von Bienen umsummt, ihr Glück finden. Hier erfüllt sich Ashton den Traum vom Frieden und erfüllten Liebesglück, den keine Wirklichkeit erfüllen kann. Ist das erlaubt? Sich so vor allen Problemen der Gegenwart davonzustehlen? Noch dazu sich von John Lanchbery eine Musik schreiben zu lassen, die im süßesten Klanggewand und vollkommener Tonalität daherzukommen wagt.

Es ist erlaubt, um die Antwort vorwegzunehmen. Wenn man es kann, und eines der großen Kunstwerke des Balletts im 20. Jahrhundert dabei herauskommt.

Aber, sagen die bitteren Verfechter des zeitgenössischen Theaters: ist es im Jahre 2012 erlaubt, diese Produktion wörtlich wieder auf die Bühne zu stellen, deren idyllische Bilder und kleidsame Kostüme seit der Münchner Premiere im Jahre 1971 unverändert sorgfältig konserviert wurden? Sollte man der Choreographie nicht wenigstens eine „zeitgenössische“ Optik geben? Hat uns das Werk denn sonst noch etwas zu sagen?

Halten Sie uns zugute, dass wir gerade die „englische Saison“ feiern und deshalb versuchen, uns in die englische Seele hineinzuversetzen. Und – das muss man zugeben - kein Engländer käme auf die Idee, der Queen ein zeitgenössischeres Outfit zu verordnen, als sie es seit Jahrzehnten trägt. Frederick Ashton war eng befreundet mit „Her Royal Highness“, der Queen Mother und mit HRH Princess Margaret. Er hätte es sich nicht einfallen lassen, ihnen ihre phantastischen Hutkreationen vom Kopf zu stoßen. Leben und leben lassen. Pink und nochmal Pink. Tea and clotted cream. The kettle is boiling.

Jetzt wird es Zeit, von der Essenz der Fille mal gardée zu sprechen, das heißt von ihrer Choreographie. Ashtons persönlichstes Ballett, sagt seine Biographin Julie Kavanagh, ist auch das eklektischste – ein meisterhaftes Potpourri an Entlehnungen von Anfang bis Ende. (Wer will, mag sich hier an Thomas Mann erinnern lassen, dessen bewegendste Passagen oft nichts anderes sind als kunstvolle Umformungen entliehenen Materials).

Woraus besteht Ashtons Material? Da sind zum einen die sowjetischen Bravour-Athletizismen, die Ashton spätestens beim ersten englischen Gastspiel des Bolschoi-Balletts 1956 kennengelernt hatte. Da sind die Raffinessen des dänischen Bournonville-Stils; da ist die internationale Sprache der klassischen Ballett-Pantomime, da sind die Kabriolen der englischen Music-Hall Tradition. Und – am witzig-glanzvollsten zu sehen im Holzschuhtanz der Witwe Simone: der in jeder Gegend anders ausgeprägte Volkstanz.

Ashton verschmilzt die fremden Materialien in ein ganz ihm zugehöriges Kunstwerk, in dem nichts zu lange geht, nichts zu kurz bleibt. Nirgendwo gestattet Ashton den Elementen der Farce, das Ballettkunstwerk aus der Balance zu bringen. Und so summieren sich Choreographie, Geschichte, Atmosphäre, Bild und Klang zu einer heiteren und geistreichen Erlesenheit. Ashtons Ensemble-Tänze in La Fille mal gardée zählen zum unangestrengt-geistreichsten, was das Ballett im 20. Jahrhundert auf diesem Gebiet aufzuweisen hat. Das Liebespaar Lise und Colas hat die schwierigsten Virtuosenstückchen zu tanzen und bleibt dabei vollkommen liebenswürdig und naiv. Die Witwe Simone, nach alter Tradition en travestie von einem Mann getanzt, ist zwar ein alter Drachen und hat Locken um die Ohren, gleichzeitig ist sie so zauberhaft eitel, dass man ihr nichts übelnehmen kann. Der wunderlichste Charakter aber ist sicherlich Alain, ein reicher armer Tölpel von Gutsbesitzerssohn. Er ist mit zwei linken Füßen auf die Welt gekommen und tanzt auch so. Doch seine Unschuld ist grenzenlos. Und wenn am Schluss ein Gewittersturm in seinen Regenschirm fegt, lässt er sich eher in die Lüfte entführen, als dass er den Schirm losließe. Denn – mögen ihn die Mädchen ruhig verschmähen – ein Regenschirm ist letztlich vielleicht doch die bessere Wahl (zumindest in England)...

Ein kleines Paradox zum Schluss. La Fille mal gardée war 1789 ein revolutionäres Ballett, das erste Stück, das in der Tagesrealität der Menschen von damals spielte. Bis dahin hatte sich alles um Feen, Nymphen und anderes mythologisches Personal gedreht. Als Ashton sich 1960 entschied, den alten Stoff in seiner originalen Form, wenn auch in seiner eigenen Choreographie wieder aufleben zu lassen, war er sich klar darüber, dass die Tagesrealität seiner Zeitgenossen eine andere geworden war. Auch das Bayerische Staatsballett ist sich durchaus darüber klar, dass unsere Tagesrealität zwischen Barak Obama, Papst Benedikt, Angela Merkel, Vladimir Putin, Facebook, Google und der Deutschen Bank eine andere ist. Aber lassen wir uns dadurch die Freude am Rauschen der Isar verderben? Keineswegs. Große Kunst kann in der Idylle die Widersprüche unserer Gegenwart aufheben. La Fille mal gardée erlaubt die Probe aufs Exempel.

Armgard von Schilling