Der Widerspenstigen Zähmung - Weitere Infos

Der Widerspenstigen Zähmung Der Widerspenstigen Zähmung. Marlon Dino. ©Tandy Der Widerspenstigen Zähmung. Ensemble. © Hösl
Der Widerspenstigen Zähmung
Ballett von John Cranko nach William Shakespeare
Musik von Kurt-Heinz Stolze nach Domenico Scarlatti

Uraufführung am 16. März 1969 beim Stuttgarter Ballett im Großen Haus der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart

 

Während Der Widerspenstigen Zähmung, ungeachtet einer sehr erfolgreichen Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Richard Burton, nie eines der wirklich häufig gespielten Stücke von Shakespeare war, hat John Crankos 1969 in Stuttgart uraufgeführte Ballett-Version rasch den Rang eines Ballett-Klassikers gewonnen, der inzwischen sowohl in New York als auch in Moskau von den großen nationalen Ensembles getanzt wird.

Cranko hat die bei Shakespeare etwas komplizierte Geschichte genial auf den tänzerischen Punkt gebracht: die Zähmung der widerspenstigen (im tiefsten aber vor Zärtlichkeit glühenden) Katharina durch das Rauhbein (im tiefsten aber herzensguten) Petrucchio. Und die Entlarvung von Katharinas jüngerer, vom Vater ihrer Schönheit und ihres Charmes wegen verwöhnter Schwester Bianca, als eines ausgemachten Luders. Dazu kommt das Verehrer-Trio von Bianca: Lucentio, Hortensio und Gremio, dessen Werben um Bianca die Geschichte erst ins Rollen bringt. Denn, gezwungen durch die Bedingung des Vaters, dass Katharina vor Bianca verheiratet sein müsse, bringen sie Petrucchio dazu, um Katharina zu werben. Zwei Huren mischen ebenfalls mit, die dafür sorgen, dass zum Schluss alle Männer, jedoch durchaus unterschiedlich glücklich, unter der Haube sind.

Aber Katharina und Petrucchio, die beiden streitbaren Liebenden, als Padua-Ausgabe von Veronas Romeo und Julia – wie geht denn das, wird man fragen. Cranko macht’s möglich – choreographisch möglich, indem er ganze Romeo und Julia-Passagen zitiert. Ein geradezu genialer Einfall, der noch genialer wird, wenn man bedenkt, dass die neuere Shakespeare-Kritik mehr und mehr dazu neigt, in Der Widerspenstigen Zähmung ein Gleichnis der Verwandlung zu sehen, das Produkt von Shakespeares Auseinandersetzung mit Ovids Metamorphosen. Um diese Verwandlung, die im Stück als äußerliche Verkleidungs- und Verstellungsposse wie als tiefenpsychologisches Wandlungsdrama vorgeführt wird, als doppelte choreographische Verwandlung auf das Ballett anzuwenden, muss man schon John Cranko heißen. Er bewerkstelligt sie einmal durch Übernahme typischer Crankoscher Enchainements in eine andere dramatische Konstellation und zum anderen durch die Wandlung des choreographischen Materials namentlich in den Katharina-Petrucchio-Szenen von einem geradezu pantomimischen Grotesk-Stil zu reiner (Cranko-) Klassik. (Horst Koegler in seiner Uraufführungs-Kritik)

Der in Südafrika aufgewachsene John Cranko (1927 – 1973) war in den fünfziger Jahren einer der prägenden jungen Choreographen der englischen Szene, ehe er ab 1962 als Ballettdirektor in Stuttgart das sogenannte "Stuttgarter Ballettwunder" schuf, durch das sich Deutschland erst eigentlich auf der internationalen Ballettszene etablieren konnte. Kurz (1968 – 1970) aber mit nachdrücklichstem Ergebnis hatte er, neben seinen Stuttgarter Verpflichtungen, auch die Münchner Ballettdirektion übernommen.

Cranko war als Allround-Genie auf vielen theatralischen und choreographischen Gebieten tätig, außerhalb Stuttgarts überdauert haben aber vor allem seine drei bedeutendsten abendfüllenden Kreationen Romeo und Julia (1962), Onegin (1965/67) und Der Widerspenstigen Zähmung, alle drei Werke befinden sich auch bis heute im Repertoire des Bayerischen Staatsballetts.

Kurt-Heinz Stolze (1926-1970) war als Ballettdirigent in Stuttgart Crankos engster musikalischer Mitarbeiter. Während seine Bearbeitung und teilweise Instrumentierung Tschaikowskyscher Kompositionen für Onegin Tschaikowsky unangefochten als eigentlichen Komponisten des Werkes gelten ließ, ging Stolze als eigenständiger Komponist in Der Widerspenstigen Zähmung weiter und verarbeitete Material aus dem umfangreichen Sonatenwerk des Neapolitaners Domenico Scarlatti (1685 – 1757) zu einer witzig-durchsichtigen Tanzpartitur, die stilistisch in der Tradition etwa des Strawinskyschen Pulcinella zu begreifen ist, ohne, das ist leicht zuzugeben, dessen geniale Qualität zu erreichen.