Gastspiel Birmingham Royal Ballet

Take Five. Birmingham Royal Ballet. ©Bill Cooper The Dream. Birmingham Royal Ballet. ©Bill Cooper

Das Birmingham Royal Ballet scheint eine reichlich wirre Geschichte hinter sich zu haben, wenn man die unterschiedlichen Compagnie-Titel und die Reihe der Direktoren verfolgt, die seine Vorgänger trugen. Tatsächlich aber hat es eine höchst stringente Tradition. Es geht hervor aus dem jeweils kleineren, zweiten, doch nie zweitrangigen Ensemble der großen nationalen Company Englands, dem Sadler’s Wells Ballet, das seit 1956 mit Königlicher Charta als Royal Ballet den Ruf einer der fünf bedeutendsten Ballettcompagnien der Welt besitzt.

Die zweite Compagnie diente als Entwicklungsreservoire für Tänzer und Choreographen, John Cranko und Kenneth MacMillan, um nur zwei große Choreographen zu nennen, schufen ihre ersten Arbeiten für diese Truppe. Nach dem Umzug ins Hippodrome Theatre in Birmingham, das nun als feste Heimat und Operationsbasis dienen sollte, damals noch unter der Direktion von Peter Wright, erhielt die Compagnie ihren heutigen Titel, abgekürzt BRB. Seit 1995 steht David Bintley als Direktor an der Spitze des Ensembles.

Das Repertoire ist in vielem dem des Bayerischen Staatsballetts vergleichbar, wobei jedoch eine deutliche Orientierung an der nationalen Tradition zu sehen ist: Präsentation der großen historischen Werke des klassischen Balletts und gleichzeitig des bedeutendsten internationalen Repertoires; daneben kreatives Zentrum für Neues, hier vielleicht gezähmt durch den Auftrag, die Kunstform Ballett durch Gastspiele allen Regionen und allen Bevölkerungsschichten Englands zu vermitteln, was avantgardistischem Wagemut natürliche Grenzen setzt.

Das Programm in München stellt die denkbar glücklichste Ergänzung unserer Spielzeit-Konzeption dar. Ein Werk von Ninette de Valois, der Begründerin dessen, was man heute als Englische Tradition versteht, eröffnet den Abend: „Checkmate“ von 1937. Wann wäre je etwas von de Valois in Deutschland zu sehen gewesen? Hier könnte eine Schule historischen Sehens ansetzen.

Ashtons Sommernachtstraum-Version „The Dream“ von 1964 ist ein großartiges Beispiel für seine Fähigkeit, im Rahmen eines relativ kurzen, einaktigen Werkes eine Geschichte zu entfalten und durchaus erschöpfend zu erzählen.

Daneben ein aktuelles Werk von David Bintley. Kreiert 2007, präsentier es 10 Tänzer zu hinreißender Jazzmusik und zeigt Bintley auf der Höhe seiner klassischen, musikalisch fließenden Bewegungssprache. Das Ballett ist witzig und in seiner unangestrengt-lockeren Weise ein Beispiel für die Souveränität, mit der der Engländer Unterhaltung und künstlerischen Anspruch verbindet.

Dieser Abend mit zwei Meisterwerken der englischen Ballettgeschichte und einem Beispiel für die vielgesichtige Gegenwart des englischen Balletts, wird sicherlich die Gemüter kontinentaler Besucher auch kontrovers erhitzen. Das Phänomen so ganz unterschiedlicher Beurteilungen der nationalen Traditionen, das zwischen der europäisch-kontinentalen und der angelsächsisch-amerikanischen Kritik zu beobachten ist, wird sich hier vermutlich ebenfalls beobachten lassen. Und wird dem Symposium zu diesem Thema im Rahmen von Ballett extra zusätzlichen Stoff geben.



 
Termin

BallettFestwoche 2012
Dienstag, 24. April 2012
Nationaltheater
20.00 Uhr
Preise H
Freier Verkauf
 


Solisten und Ensemble des Birmingham Royal Ballet
The Royal Ballet Sinfonia