Siegfried Höfling. Ein Ausweg aus der Sinnlosigkeit. David Pountneys Münchner Faust-Inszenierung (Gounod) regt uns zur Nachdenklichkeit über das Leben an
Das Leben ist eine Eisenbahnschiene. In jungen Jahren tanzt man auf den Schienen vor und zurück, als hätte man unendlich viel Zeit und die große Bahnhofsuhr an der Rückwand der Opernbühne bliebe für immer still stehen. Im Alter aber stolpert man mühsam – wie Dr. Faust zu Beginn der Oper – über die letzten Gleisschwellen hin zum Ende seiner Lebensstrecke. Jede Schwelle bringt dem Tod näher. Warum das schmerzliche Ende abwarten, wenn nichts Sinnvolles greifbar ist? Nur der Lobgesang an Gott und auf die Schöpfung scheint Faust zu hindern, sein Leben zu beenden. Das Kontrastprogramm zum quälenden Denken über den Lebenssinn heißt: Unbeschwertheit, Spontaneität und Unwissenheit. Oder wie es der Philosoph Sloterdijk ausdrückt: Nicht aufgeklärt zu sein und Arbeit zu haben bedeute heutzutage modernes Glück, oder nochmals jung sein, jung bleiben und unbeschwert leben. Faust schafft dies mit Hilfe teuflischer Schönheitschirurgie.
Aber macht dieses junge Leben dauerhaft Sinn, besitzt es Wert, hat es Bedeutung? Vieles in so einem Leben scheint in den Augen des Regisseurs David Pountney teuflisch, hinterhältig und fremdbestimmt. Die vom Teufel instruierten Wirtschaftsmotivatoren und Animateure treiben uns in den Konsum-, Schönheits- und Jugendwahn. Nachdenken unerwünscht, Selbsterkenntnis verboten! Die Lebensführung wird zum täglichen Walzer mit Einkaufswagen und Hautcreme. Zum Durchhalten dient das Fitnesstraining (der Aerobicwalzer). Religion lässt sich als Sonderangebot nebenbei gleich mit einpacken. Das Leben wird verkonsumiert. Auch Marguerite kann sich dem Zauber des schönen Schmucks nicht entziehen. Tugend und Glaube sind nur Attribute von Unerfahrenheit. Da kann Wirtschaft, pardon: Teufel aufklärend nachhelfen und den passenden Weg zum heutigen Lebensglück aufzeigen.
Die Menschen stehen unter der Herrschaft der kontur- und gefühllosen Helfershelfer des Teufels. Die auf dem Lebensgleis vorher "auf der Strecke" bleiben (Valentin), werden von diesen mit dem restlichen Müll entsorgt. Verlässt einen jungen Menschen wie Marguerite das Glück, dann spielt man am Spielautomat im Wartesaal des Lebens um sein Glück. Im fremdgezeugten Wahn nach einfacher Bedürfnisbefriedigung bleibt kein Raum für die Sinnfrage. Aber ist dies in Pountneys Augen in unserer heutigen Zeit überhaupt noch die Frage? Hat Religion dazu etwas Handlungsanleitendes zu sagen? Oder sind ihre Vertreter, wie die Kirchenszene im dritten Akt zeigt, nicht genauso unerbittlich, gefühlskalt und dabei konturenlos wie des Teufels Helfer?
Aus der Sicht des Betrachters erscheint das Leben, wie es Pountney uns vermittelt, als Hölle. Sogar im Tod gibt es keine Erlösung. In der Walpurgisnacht – die Bahnhofsuhr läuft rückwärts – begegnen uns die heroischen Gestalten früherer Zeiten (z.B. Kleopatra) als alte, kranke Geister, die immer noch dem Ziel der Bedürfnisbefriedigung und einfacher Lust frönen – wenn auch der Walzer nun langsamer und gebrochener ausfällt.
Das einzige, was im Alter ab vierzig hilft, sei Selbsterkenntnis, meint C.G. Jung. Aber gibt es für alle erkennenden alten Fausts wirklich nichts Sinnvolles, nichts Erlösendes? Der Prototyp Faust ist auf dem richtigen Weg, als er sich nach Liebe sehnt, die er möglicherweise in seinem bisherigen, vom wissenschaftlichen Forschungsdrang geprägten Leben und in seinem leidenschaftlichen Denken für zu irrational hielt. Seine erste richtige Entscheidung nach der Verjüngung ist, die Sache mit der Liebe nachzuholen. Sein Fehler ist aber, dass er Liebe mit sexueller Bedürfnisbefriedigung und mit Besitz gleichsetzt (normal für junge Leute): "Ich will die oder keine!" Bei der Hingabe, mit der Marguerite ihn liebt, kommen ihm zuerst Skrupel, dann beginnt er seine Freundin und ihr/sein Kind zu lieben. Die verlassene Marguerite erzählt (dritter Akt, Wartesaal) vom letzten Beisammensein Fausts mit ihr und dem Kind. Mephisto störte damals mit seinem Gelächter die junge Familie, und von da an blieb Faust seiner Familie fern (weil er Marguerite vor Mephistos Einfluss schützen wollte, wie er später dem Teufel erklärt). Der Teufel verhindert also Fausts Wandlungsprozess zum liebesfähigen Mann, wie Marguerite richtig deutet. Liebe ist und war stets eine Gefahr für den Erhalt bestimmter Gesellschaftsstrukturen – auch für die von Teufeln geschaffenen und beherrschten.
Wenn aber nicht einmal Tod der Ausweg ist, gibt es dann überhaupt noch ein Entrinnen aus dem ewigen Kreislauf sinnlosen Lebens?
Pountney in seiner Inszenierung zeigt uns: Es gibt einen Ausweg. Marguerite und Mephisto werden erlöst und fahren gen Himmel. Erlösung geschieht durch Aufhebung oder Verschmelzung der Gegensätze. Was unser Leben zur Hölle oder besser zum Fegefeuer macht, sind die grundsätzlichen Gegensätze, in die unser Leben und Wirken eingebettet ist, ist die Polarität zwischen Himmel und Hölle. Nur die reine Seele steigt auf, bemerkt Kierkegaard und deklariert das Leben auf Erden als Läuterungsprozess. Der Teufel altert nicht nur im Stück, er macht auch durch sein Leiden am Menschen einen Reifungsprozess durch. Des Teufels "Seele" wird gereinigt, er darf wieder zurück zu seinem Schöpfer, während der junge Faust auf seinem Lebensgleis einen großen Abschnitt zurückgehen muss (Schlussszene), um seine Reifungsaufgabe = Reinigung der Seele im Widerstreit der Gegensätze von Himmel und Hölle anzunehmen und zu vollziehen. Und wieder dreht sich der Uhrzeiger.
Eine Alternative zur Aufhebung der Gegensätze ist Liebe. Liebe ist der Weg menschlicher Sinnfindung, der Weg aus der Fremdbestimmung, der primitiven Bedürfnisbefriedigung, der Weg zur Erlösung. Das wäre die Botschaft an uns, der Ausweg aus dem Leben der Polaritäten und Gegensätze. Obwohl der Regisseur alles aus der Oper herausholt, gibt der Opernstoff diesen Ausweg nicht her. Aber er hilft jedem, seinen eigenen Ausweg zu finden. Die Inszenierung bietet Stoff zum Nachdenken über mögliche Auswege.